Für den dritten und letzten Teil von "Genius" hat der Italiener Daniele Liverani(Empty Tremor) wieder eine Starriege an Sängern zusammengetrommelt. Genius-Dauerbrenner Daniel Gildenlöw (Pain of Salvation) ist wieder dabei, außerdem dieses Mal Jorn Lande (Ex-Masterplan), Andrea Dätwyler (Lunatica), Toby Hitchcock (Pride of Lions) und zum zweiten Mal Eric Martin (Mr. Big). Allerdings musste die Hauptrolle neu besetzt werden. Für den krankheitsbedingt ausgefallenen Mark Boals ist D.C. Cooper (Silent Force) eingesprungen, der sich aber keinesfalls als Notlösung erweist.
Musikalisch sind die 78 Minuten von "The Final Surprise" alles andere als eine "Überraschung" und klingen stilistisch und soundtechnisch exakt wie die beiden Vorgänger. Liverani hat einen Mix aus Rockmusik mit 80er-Touch und melodischen und temporeichen Heavy-Metal-Stücken komponiert - ausnahmslos gut, stellenweise sehr gut, aber selten genial. Auffällig sind erneut die zahlreichen Chor-Arrangements, die gewohnt brillant von Oliver Hartmann umgesetzt werden, der u.a. auch für Helloween und Hammerfall Chöre singt. So darf fast jeder Sänger mal in klassischer Theater-Manier mit dem Chor im Call-And-Response-Stil trällern. Das verleiht der "Rockoper" auch im dritten Teil einen epischen Bombast-Anstrich. Nur manchmal, da wird es ein wenig zu viel Bombast, wirkt etwas überladen.
Besonders gut anzuhören sind die zahlreichen Gesangsduette und -duelle: D.C. Cooper und Gildenlöw im melodischen Double-Bass-Mitsinger JUMP OFF THIS TRAIN, Lande und Gildenlöw im dramatischen inszenierten Kampf um Leben und Tod bei LET ME LIVE, D.C. Cooper und Hitchcock im schleppenden Mid-Tempo-Stück INSIDE THESE MEMORIES. Die Melodien überschneiden und ergänzen sich vorzüglich, obwohl die Sänger nie zusammen im Studio waren und jeder seinen Part "zu Hause" aufgenommen hat. Hin und wieder haben manche Passagen aber auch Überlänge. Bei dem vielen Text, den die Sänger hier quasi als Schauspieler runterzusingen haben, wird nicht immer genügend Wert auf markante Hooklines gelegt. So plätschern die abschließenden Tracks DREAM IN LIBERTY und vor allem THE FINAL SURPRISE leider ohne viel Spektakuläres dahin.
Eines ist Liverani aber besser gelungen als je zuvor: Er hat seine Songs - wenn auch musikalisch wenig revolutionär - den jeweiligen Sängern brillant auf ihre Stimmen geschneidert. Beim 80er-Jahre-Poprocker BACK TO LIFE im Stile von Foreigner, Survivor & Co. kann Toby Hitchcock mit irre hohen Gesangslinien seine Power rauslassen und klingt mehr als einmal wie Totos Bobby Kimball. Ein weiteres Highlight ist das von Eric Martin interpretierte ALIVE AND SAVE - eine sehr interessante Mischung aus einer Strophe, die genau so gut von seiner Band Mr.Big stammen könnte, und einer überraschend düsteren Heavy-Hookline im Refrain, die schon eher an Black Sabbath erinnert. Auch Jorn Lande kann bei seinem aggressiven Speed-Metal-Soloauftritt NO MORE CHANCES Glanzpunkte setzen - Gildenlöw mit seiner sensationellen Wandelbarkeit von bösartig düster (am Ende von JUMP OFF THIS TRAIN) bis hin zu herzerweichend klagend (I DIE).
Die abschließende Genius-Episode bietet also viel qualitativ Hochwertiges, hätte aber an der ein oder anderen Stelle noch einen Feinschliff gebrauchen können. Die Tatsache, dass Teil 3 der Rockoper genau so klingt wie die Teile 1 und 2 stellt deren Besitzer vor eine schwierige Wahl: Kaufen, damit man alles hat? Oder lässt man es bleiben, weil es nix Neues gibt? Eher kaufen, die neuen Sänger machen es wert. Der Titel "The Final Surprise" bezieht sich allerdings nur auf die Story, in der Genius endlich zurückkehrt in unsere Realität und dabei zusammen mit seinem Freund Twinspirit 32 den Aufpassern der Traumwelt noch ein paar Schnippchen schlägt. Musikalische "Überraschungen": Fehlanzeige.