Die Bauern aus dem abgelegenen Överkalix (Nordschweden) hatten vor einem Jahrhundert ein extrem hartes, entbehrungsreiches Leben. Dafuer gibt es sehr gut dokumentiertes Material: Sämtliche Sterberegister und die Statistiken über die landwirtschaftlichen Erträge und Lebensmittelpreise wurden bis 1890 zurueckreichend über Jahrzehnte schriftlich festgehalten. Das ist Gold wert!
Erstaunliches fanden nun aus diesen Daten englische und schwedische Forscher 2005 heraus: eine Hungersnot im Leben der männlichen Bewohnern von Överkalix führte zu einer höheren Lebenserwartung ihrer Enkel!
Eine gute Ernährungslage liess dagegen die Enkel früher sterben. Die Enkel von Männern, deren Kindheit in eine Zeit des Überflusses fiel, entwickelten mit größerer Wahrscheinlichkeit Diabetes - verbunden mit dem höheren Risiko eines frühen Todes. Das galt jedoch nur für die männliche Linie, die Enkeltöchter blieben verschont. Sie wiederum waren betroffen, wenn sich ihre Großmuetter väterlicherseits überreich ernährt hatten. In diesem Fall kamen die Enkelsöhne gesund davon.
Eine Erfahrung von Hunger oder guter Ernaehrung beeinflusste also über die Vererbungslinie die Lebenserwartung der Enkel! Unglaublich?
Ein zweiter Fall: Randy Jirtle und Robert Waterland von der Duke University im amerikanischen Durham setzten eine Diät angereichert mit Vitamin B12, Folsäure und Cholin dicken, gelben Mäusen vor, die in der Wissenschaft unter dem Namen 'Agouti-Mäuse' bekannt sind. Das Agouti-Gen in ihrem Erbgut ist es, das den Tieren ein gelbes Fell verleiht, sie gefräßig macht. Die Weibchen bekamen das Futter zwei Wochen vor der Paarung und während der Schwangerschaft. Wenn Agouti-Mäuse Nachwuchs bekommen, wird dieser normalerweise ebenso gelb, ebenso fett und ebenso krankheitsanfällig, wie es die Eltern sind.
Die Mehrzahl der Nagerkinder in Jirtles Experiment schlug jedoch aus der Art: Sie waren überwiegend schlank und braun. Außerdem fehlte den Sprösslingen die Veranlagung für Krebs und Diabetes. Durch einen subtilen Prozess war das Agouti-Gen abgeschaltet worden. Und das, ohne einen einzigen "Buchstaben" im Erbgut der Nager umzuschreiben
Wie passt das zu unseren modernen Theorien zu Evolution und Genetik? Ich war zuerst sehr skeptisch.
Ich erinnere mich noch an einen wissenschaftlichen Scharlatan namens Trofim Denissowitsch Lyssenko, der in der eine 'Sowjet-Biologie' schuf. Selbst mein hochverehrter Bert Brecht sass dem Schwindler auf und schrieb ein peinliches Gedicht 'Die Erziehung der Hirse', 1950, mitten im Stalinismus. Lyssenko behauptete, man könne Sommergetreide durch Kaelte so 'erziehen', dass es winterfest wird, und damit die Erträge steigern. Das Experiment ging schief, die Folge waren fürchterliche Hungersnöte.
Hatte Lyssenko doch Recht?
Das neue Denken heisst 'Epigenetik'. Sie befasst sich mit sichtbaren Zelleigenschaften (Phänotyp), die auf Tochterzellen vererbt werden und nicht in der DNA-Sequenz (dem Genotyp) festgelegt sind.
Die griechische Vorsilbe epi in Epigenetik hat mehrere Bedeutungen, wie 'nach', 'hinterher', 'um ' herum' oder 'zusätzlich'. Epigenetisch sind danach alle Prozesse in einer Zelle, die als 'zusätzlich' zu den Inhalten und Vorgängen der Genetik gelten.
Hierbei erfolgen Veränderungen an den Chromosomen, wodurch Abschnitte oder ganze Chromosomen in ihrer Aktivität beeinflusst werden. Die DNA-Sequenz wird dabei jedoch nicht verändert.
Epigenetische Marker stecken nun nicht in den 'Buchstaben' (A,T,C,G) der DNA selbst, sondern 'auf ihr sitzend': Es sind chemische Anhängsel, die entlang des Doppel-Helix-Strangs oder auf dem "Verpackungsmaterial" der DNA in den Chromosomen (Eiweissen, genannt Histone) verteilt sind. Sie wirken als Schalter, die Gene an- und ausknipsen.
Neben der im Genom entschluesselbaren Abfolge der Basen AGTCCGTGCCAT usw.gibt es offenbar eine zweite, vielleicht sogar eine dritte oder vierte Ebene der Information.
Einer der Regelvorgänge setzt am "Verpackungsmaterial" der DNA an. Denn der Erbfaden liegt nicht lose im Zellkern, sondern ist auf zylindrische Proteine - "Histone" - gewickelt, und zwar derart, dass eine Kette mit Perlen wie bei einem Rosenkranz entsteht. Damit Enzyme die Informationen des Erbcodes lesen und abschreiben können, muss die betreffende Region der DNS für sie zugänglich sein. Zugang finden sie nur, wenn die Erbsubstanz in lockerer Form vorliegt. Um dies zu ermöglichen, müssen die Histonproteine bestimmte Anhängsel tragen. Das sind Methylgruppen (CH3). Sind diese dagegen nicht vorhanden, ist die Erbsubstanz dicht gepackt, und das Gen bleibt inaktiv.
Solche Veränderungen führen dazu, dass bestimmte Bereiche des Erbgutes 'ruhig gestellt', andere dafür leichter abgelesen werden können.
Dabei wird immer klarer, dass das Epigenom für die Entwicklung eines gesunden Organismus ebenso wichtig ist wie die DNA selbst. Deutlich wurde bei den Forschungen auch, dass das Epigenom durch äußere Einflüsse weit leichter als die
Der Berliner Autor, Biologe und Jazz-Musiker Bernhard Kegel beschreibt Wissenschaft als einen "Krimi, der für die, die ihn lesen können, nie endet und der immer wieder mit überraschenden Wendungen aufwartet." Er verbindet mit seinem Buch die "Hoffnung, dass sich nach der Lektüre dieses Buches mehr Menschen als zuvor in der Lage sehen, der spannenden Handlung des speziellen Forschungsthemas namens 'Epigenetik' zu folgen, aufmerksam, neugierig und kritisch.'
Wie dünn ist das Eis ist, auf dem sich die neuen Thesen und Theorien bewegen?
Immer in der Wissenschaft besteht die Gefahr, übers Ziel hinauszuschießen und Dinge zu behaupten, die man hinter dem gewaltigen weltweit zusammengetragenen Datenmaterial allenfalls erahnen kann. Das Risiko zum Gespött der Kollegen zu werden, ist groß...
Bernhard Kegels Buch ist jedenfalls das Beste, was man gegenwaertig auf Deutsch lesen kann. Ich habe es verschlungen'