Masse statt Klasse
Gewiss, der Autor hat eine Unmenge von Zahlen, Daten und Fakten zusammengetragen. Und ja, der Versuch, ein möglichst umfassendes Bild des DDR-Fußballs von seinen Anfangsjahren bis hin zur Wendezeit zu umreißen, ist, was Umfang und Gewicht des Werkes betrifft, scheinbar gelungen. Es ist vorstellbar, dass sich die Sportfreunde der BSG Motor Veilsdorf oder von Fortschritt Meerane freuen, wenn sie in Wort und Zahl an alte Zeiten, Sportfreunde und Spielerfolge erinnert werden. Und es ist richtig, dass die vielfältigen Verflechtungen des Sports mit den Mächten eines totalitären Staates aufgezeigt und auch nachgewiesen werden, von den rufschädigenden Berichten willfähriger Lokalredakteure bis zum perfiden Verrat durch die Inoffiziellen Mitarbeiter der Staatssicherheit.
Gleichwohl leidet das Buch unter der schlecht verhohlenen Besserwisserei des Autors, der neben einem nicht in Abrede zu stellenden Interesse am Sport leider auch seine Vorurteile pflegt. Offenbar nach dem Zufallsprinzip werden politische Willenskundgebungen von Mannschaften oder Sportgruppen einzelnen Sportlern zugeordnet und gleichsam als Alleinstellungsmerkmal aufgebürdet. Wer in der DDR gelebt hat, weiß, wie solche Schriftstücke zustande kamen, womit die moralische Fragwürdigkeit nicht heruntergespielt sein soll. So hat ein junger Sportler vor 50 Jahren zusammen mit allen Mannschaftskameraden einer politischen Entscheidung zugestimmt - aus allen möglichen Gründen seinerzeit, nur in aller Regel nicht aus den dargestellten politischen - und findet heute als über 70-Jähriger in dieser Enzyklopädie den vollständigen Text im unerträglichen Politspeak jener Zeit allein unter seinem Namen zitiert. Das ist unredlich und mindert den Wert des Buches.