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Eine neue «Enzyklopädie des Blues»
Wenn es wahr ist, dass jedes Fachgebiet die Lexika hat, die es verdient, dann steht es schlecht um Jazz, Blues und Rock. Wohl gibt es auch hier untadelige Gefährten wie die «Penguin Encyclopedia of Popular Music» und solides Beamtenwerk wie «Reclams Jazzführer», in dem vorzügliche Fachwort-Erläuterungen für das überholte biographisch-lexikalische Material entschädigen. Die Mehrzahl der Nachschlagewerke zur Populärkultur vermag jedoch nicht einmal die elementarsten Anforderungen zu erfüllen, die an ein Lexikon zu stellen sind. Noch und noch stösst man auf fehlerhafte oder nicht gesicherte Informationen, auf Einträge, denen jede Strukturierung fehlt, auf ein buntes Durcheinander von Beschreibung und Wertung ohne die Spur von Nüchternheit und Distanz. Wo man es mit auf Buchform aufgeblasenen Fanzines zu tun hat, ist es müssig, in der Kritik von Einzelfragen der Recherche und von deren Gewichtung zu sprechen. Vorerst geht es ums Ganze: nämlich um eine Sprache, die direkt der Hitparadenindustrie entlehnt zu sein scheint und in der sich der Ordnungseifer von Kaffeerahmdeckelisammlern mit der Begeisterung von Backfischen verbindet.
Ein besonders krasses Beispiel von als Information getarntem Freak-Gebrabbel ist Gérard Herzhafts «Enzyklopädie des Blues». Das Buch des 53jährigen französischen Historikers und Musikologen geht im Kernbestand auf die siebziger Jahre zurück, ist auch in englischer Sprache wiederholt aufgelegt worden und liegt nun in erweiterter Fassung erstmals auch auf deutsch vor. Zwar listet es auf 300 zweispaltigen Seiten Interpreten und Stile auf; zwar bietet es zudem Bibliographie, Diskographie und ein kommentiertes Verzeichnis von rund 300 oft gespielten Bluesnummern. Gleichwohl taugt es als Arbeitsinstrument nichts. Es ist, von den vielen Fehlern und der unbedarften Übersetzung einmal abgesehen, geradezu ein Pandämonium der Allgemeinplätze, Anbiederungen und Tautologien.
Wer war Luther Allison? «Ein sympathischer, talentierter, immer gut gelaunter Typ.» Stevie Ray Vaughn? «Schon in jungen Jahren ein Bluesfan.» J. B. Hutto? «Wieder einer der zahlreichen Bluesmen aus Chicago, die ein paar Titel eingespielt haben, die dann in den Fünfzigern zu Klassikern wurden.» Sind das Lexikoneinträge? Und was soll ein Leser mit der Albert King betreffenden Information anfangen, dass «jede seiner Shows immer bemerkenswert, imperial und machtvoll war» (wohingegen Freddie Kings «hochverstärkte elektrische Gitarre mächtig und dynamisch eine Gruppe von seltener Homogenität beherrschte»)? Die meisten Einträge Herzhafts liessen sich nicht nur ohne Verlust, sondern mit erheblichem Gewinn auf ein Fünftel des jetzigen Umfangs reduzieren. «In musikalischer Hinsicht ist zu sagen, dass Taj (Mahal) der vieles gehört und behalten hat ein ausgezeichneter Sänger ist mit leicht heiserer Stimme . . .»: Solche Sätze müsste man dann nicht mehr lesen. «Taj Mahal, bürgerlicher Name Henry St. Clair Fredericks, geb. 1942, voc., g., hca., bjo.»: so weit der brauchbare Teil des Textes.
Ein generelles Problem in Musiklexika sind die diskographischen Hinweise. Vollständigkeit ist oft weder möglich noch sinnvoll; zudem veralten die Daten schnell. Man kommt nicht darum herum, auszuwählen und zu gewichten. Aber auch das kann man disziplinierter tun als Herzhaft. Wenn ihm ein Künstler nicht besonders liegt, reicht ihm der Hinweis auf irgendeine «Greatest Hits»-Kompilation; bei seinen zahlreichen Lieblingen dagegen pflastert er die Spalten mit Superlativen. Wenn er wenigstens eigensinnig, polemisch, ungerecht wäre! Aber er schwadroniert nur gleichsam im Halbdusel den Plattenregalen entlang: «Die köstliche Lynn White zeigt hier, dass eine echte Soul Sister sich auch in den Blues einfühlen kann. Eine vokale Ginseng-Kur für alle Übermüdeten.» Ende des Eintrags. Verworren sei die Bedeutungsgeschichte des Begriffs «Enzyklopädie», hat Klaus Weimar geschrieben. Hier verwirrt sie sich wieder ein bisschen weiter.
Manfred Papst
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