Schlechtes von einem Klassiker sagen zu wollen, sollte nachdenklich machen, denn ein Klassiker ist ein anerkanntermaßen gutes Buch und wer dem nicht zustimmt, ist eher zu dumm oder hat einen schlechten Geschmack, als dass er Recht hätte. Trotz dieser Vorrede wage ich meine Meinung kundzutun: „Entweder-Oder" ist nicht besonders lesenswert, zumindest nicht das ganze Buch. Einzelne Abschnitte oder Sätze hingegen sind klug und schön.
Mir gefällt an Entweder-Oder die Anlage, also die Gliederung und die Verpackung in eine Geschichte von einer in einem alten Schreibtisch gefundenen Textsammlung. Auch die Gegenüberstellung der beiden Lebensformen ästhetisch/ethisch in zwei getrennten Büchern finde ich gelungen. Das Entweder-Oder ist die eindeutige Entscheidung zwischen der ästhetischen, also sinnesfreudigen, lustbetonten, launengesteuerten Lebensweise und der ethischen, also pflichtbewussten, verantwortungsvollen. Die Entscheidung, sofern sie getroffen wird, kann nur zur ethischen ausfallen, denn solange man sich nicht entscheidet, lebt man ästhetisch und wenn man sich entscheidet, ist dieser Schritt bereits ein ethischer.
Allerdings verstehe ich nicht, warum die beiden Grundeinstellungen einander ausschließen müssen, anstatt einander ergänzen zu können.
Ansonsten ist das Buch überwiegend langweilig, stellenweise sogar regelrecht blöde. Aber dann findet man inmitten all der ermüdenden, sinnlosen und oft sogar unlogischen Wortschwalle regelrechte Perlen schöner Abschnitte und kluger Gedanken. Wenn man die herausschriebe und zu einem neuen Buch bände, dann hätte man etwas sehr Feines in den Händen, jedoch nur noch etwa 150 Seiten stark.
Abseits und gesondert betrachten muss man „Das Tagebuch des Verführers", welches für sich allein genommen schon recht interessant und eine gute Vorbereitung auf den „Angriff" des Ethikers ist, aber dennoch seine Berühmtheit nicht ausreichend begründen kann.
Die restlichen 600 Seiten sind nicht viel wert. Schon allein die ersten paar Hundert Seiten von Entweder-Oder erfordern eiserne Disziplin, die ich wegen der großen Zeitverschwendung, die damit verbunden wäre, nicht aufbringen mochte, denn auf ihnen geht es eigentlich um nichts anderes, als um die Beleuchtung der Oper „Don Giovanni" von Mozart mit dem Lichte irgendeiner Theorie, die anscheinend nicht klar darstellbar ist, denn mein guter Wille, der mich die ersten 50 Seiten noch begleitete, konnte sie mir nicht durchsichtig machen.
Diesen schlimmen Urteilen stelle ich aber auch mein Lob der Erbauungsrede „ästhetische Gültigkeit der Ehe" gegenüber, die wirklich schön ist und den Hauptteil meines oben erwähnten Extraktes ausmachen würde.
Sehr gut waren die zahlreichen und umfassenden Kommentare am Ende des Buches, die das Verständnis vieler Fremdwörter und Zusammenhänge aus Kierkegaards Leben ermöglichten.