Ein fragmentarisches Tagebuch aus den Jahren 1982/83 wird uns nun also vorgelegt, nachdem es auf etwas dubiosen Weg, zu den Lesern gelangt ist und wohl schon im Vorfeld für heisse Köpfe gesorgt hat. Walter Obschlager, der ursprüngliche Archivar der Max-Frisch-Stiftung (immerhin von 1981-2008) hat dieses Typoskript verschwiegen, und die persönliche Sekretärin von Frisch, Rosmarie Primault, hatte eine "kleine Abteilung" bei sich, die sie erst nach und nach anscheinend der Stiftung abtrat, und zu guter Letzt, musste also der Stiftungsrat der Max-Frisch-Stiftung über die Veröffentlichung abstimmen, nachdem es anscheinend Gegner (u.a. Adolf Muschg) der Veröffentlichung gab.
Liegt es doch in der heutigen Zeit, vergessene, verschollene, ins Nichts verschwundene Texte, die plötzlich nach vielen Jahren wieder auftauchen, zu Sensationen zu stilisieren, was zum einen einem gewissen unstillbaren Hunger oder besser Gier anspricht und nicht zuletzt des Geschäftemachens ein zuträglicher Diener zu sein scheint. Sind wir Menschen wirklich so sensations-lüstern? Bleibt die Frage offen, ob damit den Autoren wirklich in deren Sinn gehandelt wird, oder ihre Würde nach deren Ableben, dabei noch respektiert wird, vor allem, wenn es sich dabei um persönliche Tagebücher handelt.
Wie auch immer, wir Leser projezieren ohnehin ungeahnte Schätze in Manuskripte die oft erst nach 20 Jahren (hier 28!) veröffentlicht werden, was sich allzu oft nicht bewahrheitet. Übrigens sollen nächstes Jahr, also 2011 noch versiegelte Texte von Max Frisch zugänglich gemacht werden, wo unter anderem ein Briefwechsel zu Ingeborg Bachmann darunter sein soll...
Doch nun zum Buch. Frisch ist immer hin 72 Jahre alt, wenn man seine Prosa liest. Er ist ein Frager, ein Zweifler, bezeiten könnte er einen Wutanfall bekommen, er bewegt sich zwischen Politik, der persönlichen Auseinandersetzung mit dem Tod, erzählt Episoden aus seinem Leben, macht sich Gedanken über das Altern, seinen sterbenden Freund Peter Noll, seine Gedanken kreisen um die nukleare Aufrüstung, er bewegt sich zwischen Zürich, New York und Berzona (Tessin) und auch noch anderen Orten, seine Gedanken kreisen um Israel, und seinem Traum vom eigenen Haus. Über seine Arbeit sagt er, es sei nur ein sinnloses Tauschen von Wörtern. Und da ist noch die Beziehung zu seiner jüngeren Frau Alice, die er analysiert, für sie scheint dieses Tagebuch gewidmet zu sein, denn nach Ende der Beziehung, hören auch die Tagebucheinträge auf. Alice bleibt jedoch im Hintergrund, man spürt sie kaum.
(Im April 1974 hatte Frisch auf einer Lesetour in den USA eine Affäre mit der 32 Jahre jüngeren Amerikanerin Alice Locke-Carey, und lebte mit ihr später von 1980 bis 1984 in New York, in dieser Zeit sind diese Aufzeichnungen entstanden.)
Die FAZ veröffentlichte einen bemerkenswerten Artikel (3.4.2010) über jene Begegnung mit "Alice", wo Frisch ein Wochenende in der Erzählung
Montauk (suhrkamp taschenbuch) verarbeitet, die in besagter Erzählung als "Lynn" geschildert wird. Volker Weidermann besucht die Amerikanerin, um an jenen Ort "Montauk" sich zu erinnern. Eine sehr sinnliche, melancholische und berührende Begegnung, wo ein distanzierter Blick, auf jene Liebeserfahrung geworfen wird, die an jenem Wochenende 1974 in dem amerikanischen Ort Montauk das 170km östlich von New York von Long Island liegt. Max Frisch und die amerikanische Verlagsmitarbeiterin "Alice" hatten dort ein Liebes-Wochenende miteinander verbracht.
Der Tod seines Freundes Peter Noll geht ihm unter die Haut, wir bekommen die Betroffenheit eines Max Frisch zu spüren. Seinen Tod scheint er schon vorab zu erahnen. "Ich rede schon wie von einem Verstorbenen"..."Ich weiss nicht, warum ich in dieser Wirtschaftstube plötzlich das Gefühl habe, dass es seine letzte Fahrt über Land gewesen ist." Die beiden Männer begegnen sich noch einmal und drücken einander ihre Freundschaft aus. Nachdem sie sich verabschiedet haben, schreibt Frisch: "Als ich die Wohnung verlasse, ist er nicht allein. Er stirbt Stunden nach Mitternacht, und dort wo die Nachricht mich einholt, ist es noch nicht Mitternacht." Selbst später fragt er sich, ob er Noll wirklich gekannt hat.
Der Tod des Freundes führt in die eigene Betrachtung:"Kein Antlitz in einem Sarg, hat mir je gezeigt, dass der eben Verstorbene uns vermisst.Das Gegenteil davon ist überdeutlich. Der Verstorbene überlässt mich der Erinnerung an meine Erlebnisse mit ihm..der Verstorbene hat inzwischen eine Erfahrung gemacht ohne uns, die Erfahrung, die mir erst noch bevorsteht und die sich nicht vermitteln lässt."
Frisch bewegt sich zwischen dem Dauerhaften und dem Flüchtigen. Bei den Einträgen, kennen wir weder die Daten, noch den jeweiligen Ort, wo die Texte zur Zeit der Erfassung entstanden sind, was ein wenig irritierend wirken kann, überhaupt wird nicht immer alles erklärt, Vieles bleibt offen, angedeutet, als Leser wird man gefordert. Das Altern steht bisweilen im Mittelpunkt der Betrachtungen. Er schreibt: "Ich reise nicht mehr..nur noch zu Begräbnissen...ich gebe keine Interviews mehr..Immer grösser wird mein Freundeskreis unter den Toten."
Ein zur Reife gekommener alter Mann, der realisiert, dass er alt geworden ist. "Ich bin alt, ich bin alt." Seine innere Auseinandersetzung bemüht sich um Menschlichkeit, Ehrlichkeit, und dem was uns gegen Ende des Lebens noch zu beschäftigen scheint. Er engagiert sich innerlich politisch und nimmt Stellung, und gleichzeitig nehmen wir Leser Anteil an dem Leben eines alten Schriftstellers, mit einem wachen Geist, und voller Präsenz. Ein wahres Sammelsurium, aus Fragmenten wird uns da vorgelegt, ich persönlich mochte vor allem, das persönlich erzählte, persönlich Erlebte, wenn er z.B. etwas von seinen Gästen erzählt, die ihn in seinem Haus besucht haben oder von Selbsterfahrungsgruppen erzählt, die wohl seine Partnerin Alice im damaligen Amerika besucht zu haben scheint.
Ein Buch, das ganz viele Ebenen anzusprechen scheint, die Zugewandheit zu politischen Themen wie etwa damals der Regierung unter Ronald Reagan, haben mich eher weniger interessiert und gefesselt. Und trotzdem ist das neue Buch von Frisch, mit ein paar Leckerbissen garniert, die man geniessen kann. Natürlich kann so eine Nachlese, kaum die hohen Erwartungen der Leser erfüllen, dessen Zusammenstellung ein Fragment bleiben wird. Der Bogen reicht von Ertragreichem, Erkenntnisreichem, bis hin zu Belanglosen und unbedeutsamen Schreibfragmenten. Kein Buch, das man unbedingt gelesen haben muss, ein Muss eher für Frisch-Liebhaber, die wohl nur teilweise auf ihre Kosten kommen werden.
Der Leser hat es also Peter von Matt (Präsident der Max-Frisch-Stiftung) zu verdanken, dass dieses Typoskript, den Weg zu den Lesern geschafft hat, er hat es freundlicherweise editiert, mit Anmerkungen versehen, das Nachwort verfasst und war übrigens auch für die Neuherausgabe des früh verworfenen Romans "
Antwort aus der Stille: Eine Erzählung aus den Bergen" (2009) verantwortlich.
Zum Schluss, eine Stelle aus dem Buch, die wie eine Meditation wirkt:
"Mittag am Bach, das Wasser ist kieselklar, aber kalt, die Felsen sind warm, von der Sonne und die Luft riecht nach Wald, nach Pilzen, man hört nichts als das Wasser und es gibt nichts zu denken."
Fazit: Wer nicht mit allzu grossen Erwartungen, an das neue Tagebuch, welches wohl kaum mit seinen bisherigen im Vergleich steht, unvoreingenommen herangeht, kann durchaus ein paar Kostbarkeiten orten..