Sartres "Entwürfe" entstanden im Anschluß an sein erstes philosophisches Hauptwerk "Das Sein und das Nichts" 1947/48. Sie waren als notwendige Fortsetzung konzipiert, um die ethischen Konsequenzen der Ontologie im Medium der existenziellen Psychoanalyse zu explizieren. Im Vordergrund steht in diesem Werk deshalb die Beschreibung des Verhältnisses vom, "zur Freiheit verurteilten" und zur freien Wahl gezwungenen, Subjekt zur objektiven Welt, der geschichtlich gewordenen Gesellschaft in der es seinen Platz einzunehmen gezwungen ist. Für Sartre gilt es, die konflikthafte Welt und Selbsterfahrung des Individuums, in der sich etablierenden "Mass-Media-Gesellschaft" der Nachkriegszeit, zur Grundlage einer Individualmoral umzuformen.
Dabei fordert er, mit emphatischer Eindringlichkeit, vom Einzelnen einen ästhetischen Lebensentwurf mit frei erfundenen und authentisch übernommenen Werten. In jeder meiner Handlungen manifestiert sich so ein Wertehorizont, in dessen imperativischer Deutung, zugleich die ganze Menscheit mit inbegriffen ist. Denn: "Was für mich gut ist, muss für alle gut sein können."
Überhaupt werden Begriffe
wie "Authentizität", "Freiheit", "Hingabe" und "Anerkennung" aber auch "Einsamkeit", "Vereinzelung" und "Existenz" zu tragenden Elementen seiner moralphilosophischen Fragmente. Diese definitiven Grundbegriffe werden nun aber um eine geschichtsphilosophische Dimension erweitert, die es ihm ermöglicht die Kategorien seines ursprünglichen anarchistischen Individualismus, auf die Gesellschaft und ihre notwendige Gruppenmoral hin zu erweitern. Somit werden hier schon zentrale Thesen späterer Werke, in denen es um eine Auseinandersetzung mit dem Marxismus geht antizipiert.
Dieses Werk gibt, wie kein zweites, Einblick in die Denkerstube des großen Intellektuellen. Hier sieht man ihn bei der Arbeit in den Kopf. Philsophische Thesen und Konzepte seiner Vorgänger, historische und tagespolitische Ereignisse werden subtil diskutiert und analysiert. So wird Hegel zum "Gipfelpunkt der neuzeitlichen Philosophie" erklärt und seine Dialektik auch für Sartre zu einem wichtigem aber kritikbedürftigem, methodischem Mittel.
Amerika wird zum Sinnbild eines absoluten aber blinden Subjektivismus, in welchem der freie Einzelne seine refelexive Karft der Selbstbestimmung zugunsten der, durch die Massenmedien vermittelten, Kollektivmeinung mit unauthentischen Werten einbüßt.
Das Werk bleibt jedoch ein fragmentarisches Konklumerat. Ein Zettelkasten, wenn man so will. Das Programm einer Ethik bleibt unvollendet. Denn offensichtlich spannen sich aus einer Philosophie, die den dramatischen Kampf um Anerkennung und die absolute Fremdheit zwischen einsamen Individuen betont, Abgründe auf, die für eine solche Moraltheorie, welche ja gerade nicht die vermittelnde Zwischenmenschlichkeit positiv erfasst und erklärt, unüberwindbar bleiben.
Später dann wird der Marxismus in seinem universellen, vom Einzelnen absehenden Kategorien für Sartre zum Erklärungsmuster des "einzelnen Universalen", der menschlichen Existenz.
Dieses Buch regt zum denken an und richtet sich an Nachdenkliche.
Dennoch bliebt sein Stil locker und anschaulich. Sartres technische Sprache ist eingänglich und treffend. Nicht nur für jeden der sich die Frage nach Sinn-und Wertstiftung im postmodernen Zeitalter des vermeintlichen "Werteverfalls" stellt eine lohnenswerte Lektüre, sondern auch für den bloß philosophisch Interessierten ein literarisches Vergnügen.