Seit der Verfilmung von Ian Flemings James Bond-Romanen umgibt das Thema Spionage ein gewisser Glamourfaktor, doch Bond war nur Spion und die Realität ist die eines schmutzigen Geschäfts, bei dem es etwa gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wichtiger war "Hauptsache er ist Anti-Kommunist" und so haben sich die alliierten, meist amerikanischen Geheimdienst-Agenten gerne auch alter Nazis bedient und die Gefahr unterschätzt dass Moskau sich so manchen dieser längst ins eigene Boot geholt hatte. Der Kalte Krieg begann und es reichte nicht mehr aus selbst Spione anzuwerben, nein man musste mit der Gegenspionage auch versuchen die Doppelagenten im eigenen Haus aufzustöbern.
Was filmisch und literarisch bereits vielfach mit Blockbuster- und Bestseller-Qualitäten umgesetzt wurde versucht Ex-Spiegel Redakteur Peter Ferdinand Koch nun auf Faktenbasis zu untersuchen und das gelingt ihm auch. Nach einem kurzen Seitenhieb auf die in Kochs Augen gegenwärtig nicht mehr "feuergefährliche" Spiegel-Redaktion beginnt er eine Geschichte aufzuarbeiten deren Zielsetzung schon bald nicht mehr ganz klar zu sein scheint. Denn zunächst versucht Koch die braune Geschichte der Organisation Gehlen und damit des BND anhand der Entdeckungen Hans-Henning Cromes, der noch im Auftrag Gehlens persönlich die oft tiefbraunen Vorgeschichten mancher BND-Agenten ausforschen sollte, aufzuarbeiten, was noch nicht allzu viel mit dem Thema "Doppelagenten" zu tun hat.
Nun könnte sollte man also annehmen dass sich Kochs ENTTARNT vorwiegend darauf beschränkt Maulwürfen und Doppelagenten in der Geschichte des BND nachzuspüren, was vielleicht klug gewesen wäre irgendwie im Untertitel nachzuweisen, um Enttäuschungen über den Inhalt zu vermeiden. Und die Ausflüge zu den braunen Flecken hätten sich dann einfach so ergeben, weil sie eben auch im Zusammenhang mit der Gegenspionage und Unterwanderung eine Rolle gespielt haben. Doch dann unternimmt Koch noch Exkurse zu Doppelagenten wie dem polnischen Georg von Sosnowski, der im Auftrag des polnischen Nachrichtendienstes das deutsche Reichswehrministerium ausspionieren sollte und dabei noch den wohl James Bond-typischsten Lebenswandel vorzuweisen hatte, tat er dies doch indem er sich als Verführer weiblicher Verwaltungsangestellter etablierte. Einen illustren Lebenswandel vollzog auch Karl Matthäus Löw, der sich vom deutschen Kommunisten zum stellvertretenden Minister in der UdSSR mauserte, dort jedoch zum Opfer Stalins Geheimpolizei wurde und schließlich nach einem kurzen Intermezzo als Gefangener der Gestapo als SS-Hauptsturmführer eine neue Beschäftigung fand.
So mancher der von Koch vorgestellten Spione erfüllt schließlich gar nicht mehr die Kriterien eines "Doppelagenten" und manch einer entbehrt sogar des obligatorischen Deutschland-Bezugs, wie der Zarist Sergej Treajkow, der als Mann des GRU im zaristischen "allgemeinen Militärbund Russlands" eingeschleust werden konnte. Und als Streusel oben drauf lassen sich gar die Biografien des SS-Manns Karl Josef Silberbauer (der Anne Frank verhaftete) und des Wiener Gestapo Chefs Franz Josef Hubers verstehen. Gerade bei Silberbauer scheint die Definition eines Doppelagenten oder zumindest Maulfwurfs sehr schwammig ausgelegt zu sein, wurde er doch 1963 von Simon Wiesenthal nur als Angestellter der Wiener Polizei ausgemacht. Dass er zugleich für den BND als "Sonderverbindung" in rechtsextreme Kreise agierte führt nur zurück zu Kochs Untersuchung brauner Flecken in der Geschichte des BND und sagt auch einiges über die mangelnden österreichischen Bemühungen zur Entnazifizierung aus.
Im Kapitel "Maulwürfe erklären sich" kommt Koch schließlich auch auf eine klassische Anekdote der österreichischen Spionagegeschichte zu sprechen, nämlich dem Verdacht des letzten Leiters des k.u.k. Militärgeheimdienstes und späteren Chefs der Spionageabwehr im kurzlebigen Ständestaats dass der spätere Bundespräsident Theodor Körner (in der Ersten Republik immerhin General und zeitweilig auch Kommandeur des paramilitärischen Schutzbundes) aufgrund seiner Beziehungen zum Doppelagenten Alfred Redl selbst als Spion für Russland tätig gewesen sein könnte. Nach Körners Tod sollen ja bekanntlich auch Akten aus dessen Arbeitszimmer spurlos verschwunden sein. Auch dem Verdacht gegen den tschechophilen Wiener Ex-Bürgermeister Helmut Zilk, der von der KPÖ zur SPÖ gewechselt ist, ein Spion gewesen zu sein geht Koch, wenn auch nur sehr kurz, nach.
- Resümee -
So lobenswert Kochs Aufarbeitung der Fakten auch ist, als am Thema Spionage und Geschichte interessierter Leser stört mich zunächst einmal die Struktur. Anders gesagt dem Buch fehlt für meinen Geschmack zu oft der rote Faden und eine klare Richtung. Soll es nun von der braunen Vorgeschichte des BND, Doppelagenten im BND, Doppelagenten in der weitläufig gefassten deutschen Geschichte, einfache Spione in selbiger oder die politisch-ethischen Abgründe des Spionagegeschäfts gehen? Ich für meinen bescheidenen Teil kam mir von Namen und Fakten erschlagen vor, wozu Kochs exzessives name-dropping sein übriges tat. Gut möglich dass das sein Buch für einschlägige Forschungen umso wertvoller macht, aber selbst dann fehlt dem Werk ein geeignetes Inhaltsverzeichnis mit mehr als nur abstrakten Kapitelüberschriften. Man kann Koch jedoch zugute halten dass er politische Polemik und dergleichen aus seinem Sachbuch herausgehalten hat, es sind also wirklich oft die ungeschliffenen Fakten die man hier vorgesetzt bekommt. Besser getan hätte dem Werk jedenfalls eine klare Trennung in Kapitel zur braunen Geschichte des BND, den Doppelagenten im BND, Doppelagenten in der deutschen Geschichte (vorwiegend nur der Mitte des 20. Jahrhunderts) und sonstigen Doppelagenten in dieser Ära. Mit einem spannenden Krimi hat das Werk eher weniger gemein, sind es doch Fakten die hier weitgehend trocken präsentiert werden, wobei nicht verschwiegen sein soll dass einige "Biografien" durchaus interessant sein können.