"Was wichtig und wahr zu sein scheint, das muss
auch unter allen Umständen gesagt werden."
(Platon, Gesetze)
Pierre Teilhard von Chardin (1881 - 1955) sucht als Paläontologe, Theologe und Geologe diese Wahrheit. Sein Streben gilt der Synthese von Schöpfungsgeschichte und Evolution, anthropologisch verstanden. Sein Forschen auf all den Erdteilen verband ihn mit einer neuen Theologie, die sich zeigte in der Anerkenntnis der Evolution, allerdings im Widerstreit der Kirchenlehre. Folge war, seine Lehrtätigkeit unter dem Deckmantel einer konformen und unverfänglichen Textrichtung zu setzen, so dass die vorliegende Studie auch als Lehrvortrag an der Pariser Sorbonne gehalten werden konnte.
Seine Theorie aus dem Jahre 1946 nennt er selbst nicht erschöpfend, weil sein Forschen in der Paläontologie sich als unerschöpflich darstellte. Vielmehr geht es ihm um eine Gegenwartsbetrachtung des Menschen in seiner Entwicklung aus der Perspektive der Gesamtentwicklung des Lebens. Seine Idee soll den Geist aufrütteln und der Philosophie der Existenz einen neuen Impuls, gar neue Gestalt geben. Wie? Das zeigt dieses kleine Essay über das Phänomen Mensch in seiner Stellung in der Gesamtentwicklung des Lebens.
Aus der Biologie und der Physik heraus ergibt sich eine Klarstellung des Lebens innerhalb des Universums insgesamt. Die Stellung des Lebens des Menschen bedarf einer Interpretation aus dem Gesichtspunkt des Kosmos. So lässt sich aus der Evolution die Biosphäre deutlich herausstellen und der Nebenzweig des Menschen herauskristallisieren allein aus dem Gesichtspunkt des Geistes. Warum gelingt dem Menschen eine Stellung, die aus einer überdeutlichen Entwicklung des Gehirns, verbunden mit einer Fähigkeit der Reflexion entwickelt wurde, zu erlangen. Allein diese Einmaligkeit verweist auf einen zunehmend singulären Strang der Entwicklung, die unaufhaltsam sich weiterentwickelt von der Biosphäre in eine Sphäre des Geistes, einer Noosphäre, in der die Kulturtechniken zu einer eigenen Evolution führen.
Wenn wir heute diese über die Welt gezogene Geistesstruktur in ihrer vermuteten Verallgemeinerung denken, sind wir schnell erinnert an die Wissensverteilung von Wikipedia und dem Internet insgesamt. Betrachten wir die Gedanken aus dem Johannesevangelium in diesem Zusammenhang, erkennt man Teilhards bestreben, nämlich den christlichen Schöpfungsgedanken mit dem Evolutionsgedanken zu verbinden, oder eben deren Kluft zu überwinden. Was dahintersteckt ist die im Grunde maßlose Erkenntnis, dass das Leben im Universum sich zu einem Ganzen zusammen schließen muss.
Wissen wir doch längst, dass das Leben eben nicht so sicher ist wie der Tod, so können wir auch wissen, dass alle Vermutung unsicher ist. Je mehr das Denken der Menschen an Kraft und Tiefe gewinnt, je mehr der Zusammenschluss des Geistes sich in der Noosphäre verwirklicht, desto deutlicher wird eine kosmische Atmosphäre, die "Klarheit und Wärme" vermehrt. Bewahrt der Mensch in sich den Willen zum Wachsen, wird nichts ihn hindern, dieses zu tun. Gelangen wird man zu einer allumfassenden Weltanschauung, die das Ende des Menschen einläutet, nämlich die Vollendung des Erkennens. Der letzte Denkakt ist dann die Vereinigung gemeinsamer Ideen und so Teilhard, der "gemeinsamen Liebe".
"Eben diese eine und eingeborene Welt", so die letzten Worte Platons im Timaios mögen Grundlage einer Idee gewesen sein, die Teilhard in der Noosphäre spürte. Aber auch sind die sicher aktuellen informationstechnischen Gegebenheiten Anlass genug, sich aus philosophischer Sicht einer neuen Sichtweise zu nähern. Daher sei
Capurro, Leben im Informationszeitalter empfohlen, wie auch die anderen Schriften von Teilhard. Nichts hat diesen Naturwissenschaftler davon abhalten können, an der Zeitmauer, d.h. zwischen Augenblick und Ewigkeit zu pendeln, sich Physik und Metaphysik zu nähern, um dem Ganzen an sich ebenso nah zu sein.
Dennoch mag ein Wort von Ernst Jünger (An der Zeitmauer) diese Überwindung beider Welten erläutern. Zwischen Wissen und Glauben besteht ein Unterschied, es gibt nur Analogien, wie er sagt und daher wird weder Beweis noch Wille eine Kluft überspringen, die letztendlich nur durch ein Wagnis überwunden werden kann - einen Sprung. Mit diesem Sprung wird alles angehoben wie ein Schiff, wir sehen die vertrauten Gegenstände und Maße und doch wird durch den Ortswechsel dem Ganzen eine neue Bedeutung verliehen. In diesem Sinne ist "Die Entstehung des Menschen" zu lesen.
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