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Einige der Ansätze erscheinen freilich — zumal nach dreißig Jahren fortschreitender Forschungen — als zu idealistisch und offenbar beileibe nicht von universeller Gültigkeit. So wird insbesondere die Schwelle zwischen "begrenzter Literalität" in Kulturen, in denen das schriftliche Medium auf eine kleine herrschende Elite beschränkt ist, und "allgemeiner Literalität" in Kulturen, wo die Hälfte oder gar mehr als die Hälfte der Bevölkerung Lesen und Schreiben kann, meines Erachtens zu stark überbewertet. An dieser Schwelle verorten Goody und Watt den Quantensprung zum kritischen Denken abendländischer Tradition, der sich im alten Griechenland vollzog. Während das Herrschaftsinteresse der literalen Elite in begrenzt literalen Gesellschaften Goody und Watt zufolge zum Hemmschuh objektivierenden, kritischen Denkens wurde, so dass dort ein kognitiver Fortschritt ausblieb, wird die angenommene allgemeine Alphabetisierung des alten Griechenlands und ineins damit die Möglichkeit breiter Schichten der Bevölkerung, am literarischen Diskurs teilzunehmen, von Goody und Watt als die Voraussetzung oder gar Triebfeder dafür angesehen, dass sich eine offene Kritik der schriftlich fixierten und überlieferten Traditionen bilden konnte (vgl. S. 86ff.). Kritisches Denken ist demnach ein Kind der Demokratie. Hier beschlich mich bei der Lektüre der Verdacht, dass auf diesem Wege der "griechische Genius", gegen den sich Goody und Watt selbst als fragwürdige Erklärung wenden (S. 87), in der Hohlform der Demokratie zu einem neuen Ursprungsmythos umgegossen wird — einem Urereignis, das die Theorie nicht weiter hinterfragt. Die Krise der Tradition kann aus einem ursächlich nicht weiter begründeten Impuls bürgerlicher Reflexion in der Schriftlichkeit allein nicht erklärt werden. Hier bedarf es eines umfassenderen Modells, das die Entwicklung der antiken griechischen Gesellschaft als Ganzes miteinbezieht.
Etwas vermessen ist fernerhin die das Alphabet mythisierende Behauptung, nur eine phonetische Schrift sei in der Lage, "jede Nuance individuellen Denkens" auszudrücken, demgegenüber alle "rückwärtsgewandten", piktographischen und logographischen Schriften nur "Gegenstände der sozialen und natürlichen Ordnung" abzubilden vermochten (S. 78f.). Sie setzt fälschlicherweise voraus, dass Begriffsbildung nur innerhalb der Schrift stattfinde, wie ein Glasperlenspiel ohne Bezug auf die außerschriftliche Realität. Die geistige Beweglichkeit, die die chinesischen Eliten in ihrem auf uns sperrig wirkenden Schriftsystem entwickelt haben, relativieren diese These erheblich, wie der Beitrag Kathleen Goughs auch herausstellt. Im übrigen fehlt auch der phonetischen Schrift oft genug der gesuchte Ausdruck, der sich sodann in der Sprache selbst — einerlei ob gesprochen oder verschriftet — erst neu formieren muss.
Verstehen vollzieht sich dialektisch, und insofern dieses Buch eine Fülle ansprechender Thesen ausbreitet auf jeder Seite zur Antwort und zum Weiterfragen herausfordert, ist es für seine Fragestellung vollauf zu empfehlen.
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