Wie kommt die Wissenschaft zu ihren schlauen Ergebnissen? Ist es so, dass ein Wissenschaftler mit einer nachprüfbaren Hypothese beginnt, ein Experiment macht - und schon weiß er es? "Naives Märchen", sagt Ludwik Fleck dazu in seiner schon 1935 erschienenen Schrift.
Wer auf dieses Buch stößt, tut es wahrscheinlich nicht ohne Grund. Denn es findet immer noch zu wenig Beachtung, als dass es in den Bestand der "zu lesenden" Bücher eingegangen wäre. Dabei finden sich viele der wissenschaftstheoretischen Gedankengänge, die der Mediziner Ludwik Fleck an Hand der Geschichte des Krankheitsbegriffes Syphilis und deren Diagnose entwickelt hat, etwa vierzig Jahr später in Thomas S. Kuhns "Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen" wieder (Der Physiker Thomas S. Kuhn, der sich mit der Entstehung der Quantentheorie beschäftigt hatte, sah die Fortentwicklung wissenschaftlicher Erkenntnisse ähnlich wie Ludwik Fleck. Im Vorwort seines Werks hat er selbst darauf hingewiesen, dass "Ludwik Flecks fast unbekannte Monographie ... viele meiner eigenen Gedanken vorwegnimmt". Thomas S. Kuhn hat indessen mit der Einführung des Begriffs Paradigmenwechsel eine Bekanntheit erreicht, die Ludwik Fleck versagt blieb).
Denkkollektiv, Denkstil und wissenschaftliche Tatsache.
Während für Karl Popper ("Die Logik der Forschung") Wissenschaft logisch dadurch voranschreitet, dass Hypothesen aufstellt werden, die testbar sein müssen (sich also als falsch herausstellen könnten), geht Ludwik Fleck bereits über den von Karl Popper geforderten Maßstab für wissenschaftliches Arbeiten hinaus. Er zeigt, dass die Erlangung wissenschaftlicher Kenntnis in der Praxis weit komplizierter verläuft.
Am Beispiel der Syphilis demonstriert er, wie sich der Begriff dieser Krankheit wandelte. Grund dieser Wandlungen und der jeweils neuen Sicht lag im Wechsel der vorherrschenden Denkstile. Denkstile sind Ergebnisse der Denkkollektive, also der kollektiven Denkarbeit der beteiligten Wissenschaftler. Entsprechend gab es die Vorstellung dieser Krankheit als Strafe (Kollektivvorstellung einer religiösen Gemeinschaft), der Krankheit auf Grund des Sterneneinflusses (Vorstellungen der Astrologen), einer der Krankheiten, die man mit Quecksilber heilen kann (Metallotherapie der praktischen Ärzte), einer Krankheit auf Grund verdorbenen Blutes (Allgemeingut: "Blut ist ein ganz besonderer Saft") und zuletzt einer Krankheit, die durch Erreger hervorgerufen wird (neuzeitliche Mikrobiologie).
Als Denkstil definiert Ludwik Fleck die Bereitschaft für ein gerichtetes Wahrnehmen und entsprechendes Verarbeiten des Wahrgenommenen. Jedes Sehen ist ein stilgemäßes Sinn-Sehen, jede Abbildung ein Sinn-Bild. Gute wissenschaftliche Arbeiten erwecken solidarische Stimmung, erst nachher werden die Einzelheiten dahingehend geprüft, ob sie systemfähig sind. Wenn ja, wird die Arbeit in den Wissenschaftsbestand einbezogen und werden die Ergebnisse zur wissenschaftlichen Tatsache. Die Aussage "jemand erkennt etwas" macht also nur Sinn mit dem Zusatz "in einem bestimmten Denkstil, in einem bestimmten Denkkollektiv". So gesehen ist der Begriff 'Wandlung der Denkstile' mindestens so treffend und anschaulich wie 'Paradigmenwechsel' - und, wie ich meine, schöner.
Das populäre Sachbuch.
Viele Wissenschaftler rümpfen immer noch die Nase, wenn von Populärwissenschaft gesprochen wird. Zu Unrecht, sagt Ludwik Fleck. Zum einen geschieht Wissenschaft im öffentlichen Auftrag und Interesse. Zum anderen übernehmen Wissenschaftler auch Denkmodelle aus anderen Bereichen, die sich für sie - da sie nicht in alle Einzelheiten eingeweiht sind - als populäre Wissenschaft darstellt. "Gewissheit, Einfachheit, Anschaulichkeit entstehen erst im populären Wissen; den Glauben an sie als Ideal des Wissens holt sich der Fachmann von dort. Darin liegt die allgemeine erkenntnistheoretische Bedeutung populärer Wissenschaft." Ein klares Votum für das populärwissenschaftliche Sachbuch!
Wie Wissenschaft funktioniert: Mit Beispielen für Biowissenschaftler und Mediziner.
Ludwik Flecks Buch ist biomedizinisch-praxisbezogen, weder trocken und noch theorielastig. Es zeigt wie, und warum, trotz falscher Voraussetzungen und unreproduzierbaren ersten Versuchen erfolgreiche Wissenschaft entstehen kann. Unbedingt lesenswert!