Aus der Amazon.de-Redaktion
Als Special Agent Will Trent am Tatort erscheint, glaubt er zunächst nicht, viel Arbeit mit diesem Fall zu haben: Schließlich liegt der Mörder des Mädchens tot im Flur. Doch es dauert nicht lange, bis klar wird: Das tote Mädchen ist nicht Emma, sondern eine Schulfreundin. Und der junge Mann, den Abby für den Mörder ihrer Tochter gehalten hat, war nicht der Täter, sondern ihr Freund, der helfen wollte. Während Abby mit ihrer Schuld kämpft – sie hat einen unschuldigen Jungen getötet! –, beginnen Will Trent und die ihm für diesen Fall als Partnerin zugeteilte Faith Mitchell fieberhaft mit der Suche nach Emma. Ist sie ebenfalls tot? Ist sie entführt worden?
Will Trents zweiter Fall hat es wirklich in sich, und das Buch fesselt von der ersten bis zur letzten Seite. Überstrapaziert hat Karin Slaughter lediglich die persönlichen Eigenarten und Verstrickungen der beiden Polizisten: In der gegenwärtigen Thrillerliteratur ist es ja Mode, die ermittelnden Helden mit irgendwelchen Macken zu versehen, um sie interessanter zu machen. Das ist ja auch gut und schön, aber hier sind es doch ein bisschen zu viele Problemrucksäcke, die Will und Faith mit sich herumschleppen: Will knabbert nicht nur an seiner Vergangenheit als in Heimen aufgewachsener Waise, sondern leidet auch noch unter Legasthenie bzw. Dyslexie – er kann kaum lesen und ist etwa auch nicht imstande, im Kopf auszurechnen, wie viel Zeit zwischen zehn Uhr dreißig und elf Uhr fünfzehn vergangen ist. (Über die Wahrscheinlichkeit, dass jemand mit einer solchen Schwäche hochrangiger Ermittler bei einer Polizeibehörde wird, wollen wir jetzt mal hinwegsehen.) Faith hingegen ist dreiunddreißig und hat einen achtzehnjährigen Sohn – sie ist mit vierzehn schwanger geworden und hat eine dementsprechend verkorkste Vergangenheit hinter sich. Und als wäre das noch nicht genug an „Baustellen“, die mit dem Fall gar nichts zu tun haben, hat Will auch noch kurz vor dieser Ermittlung dafür gesorgt, dass Faiths Mutter, die ebenfalls Polizistin war, aus dem Dienst entlassen und in den vorzeitigen Ruhestand geschickt wurde, weil er ihr Bestechlichkeit nachgewiesen hat – sodass Faith ihrem neuen Partner zunächst mit tiefem Hass begegnet.
Natürlich ist es interessant zu lesen, wie diese beiden ungleichen Ermittler zueinander finden und echte Partner werden, man schließt die beiden schnell ins Herz und hofft auf eine Fortsetzung. Dennoch hätte hier etwas weniger Problembeladenheit gut getan – der eigentliche Fall ist wahrlich spannend genug, da hätten es etwas „normalere“ Polizisten auch getan. -- Christoph Nettersheim
Pressestimmen
„Meine Nerven! Die nächsten Wochen bringen einige schlaflose Nächte.“ (Jolie )
„Was für eine Achterbahnfahrt! Action durchsetzt mit erstklassiger, systematischer und nachvollziehbarer Polizeiarbeit.“ (www.krimi-forum.net )
Kurzbeschreibung
Noch auf der Schwelle zu ihrem Zuhause sieht Abigail Campano die Glasscherben. Den blutigen Fußabdruck auf dem Dielenboden. Und den Mann, der sich über den leblosen Körper eines Mädchens beugt. Ihre Tochter! Sie stürzt sich auf ihn, bringt ihn zu Fall, und in einem erbitterten Kampf um Leben und Tod erwürgt sie ihn. Das Mädchen, sieht sie, wurde erschlagen. Der Körper ist mit Bisswunden und Prellungen übersät. Doch es ist nicht ihre Tochter Emma, sondern deren beste Freundin Kayla. Emma ist wie vom Erdboden verschluckt.
Special Agent Will Trent weiß: Die Chance, das Mädchen lebend zu finden, wird von Stunde zu Stunde geringer. Doch noch entsetzlicher ist die Vorstellung, dass der sadistische Täter ungeschoren davonkommen könnte …
Der zweite Fall für Will Trent und seine neue Partnerin Faith Mitchell – Nervenkitzel pur!
Über den Autor
Klaus Berr, geb. 1957 in Schongau, Studium der Germanistik und Anglistik in München, einjähriger Aufenthalt in Wales als "Assistant Teacher", ist der Übersetzer von u.a. Lawrence Ferlinghetti, Tony Parsons, William Owen Roberts, Will Self.
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Stimme von den Autolautsprechern auf ihr Handy umgeleitet. Abigail stieß die Tür auf und warf die Schlüssel in ihre Handtasche. Sie klemmte sich das Handy zwischen Ohr und Schulter, während sie in den Briefkasten schaute. Stromrechnung, die Abrechnung von American Express, Emmas Schulgebühren ...
Paul hielt inne, um Luft zu holen, und sie ergriff die Gelegenheit.
»Wenn sie dir nichts bedeutet, warum hast du ihr dann ein Auto geschenkt? Warum bist du mit ihr dorthin gegangen, wo du wusstest, dass meine Freundinnen auftauchen könnten?« Abigail sagte die Wörter, während sie die Auffahrt hochging, aber sie spürte sie nicht tief in ihrem Bauch wie beim ersten Mal, als so etwas passiert war. Damals war ihre einzige Frage gewesen: Warum genüge ich ihm nicht?
Jetzt lautete ihre einzige Frage: Warum bist du so ein notgeiler Mistkerl?
»Ich brauchte einfach eine Pause«, sagte er, noch eine altbekannte Floskel.
Abigail stieg die Verandastufen hoch und suchte in ihrer Handtasche nach den Haustürschlüsseln. Sie hatte den Club wegen ihm verlassen, hatte ihre wöchentliche Massage und das Mittagessen mit ihren engsten Freundinnen ausgelassen, weil es sie demütigte, dass sie alle Paul mit einer flaschenblonden Zwanzigjährigen gesehen hatten, mit der er, so unverfroren war er, in ihr Lieblingsrestaurant gegangen war. Sie wusste nicht, ob sie sich dort je wieder würde zeigen können.
Abigail sagte: »Ich brauche auch eine Pause, Paul. Wie würde es dir gefallen, wenn ich mir auch eine Pause gönnen würde? Wie würde es dir gefallen, wenn du eines Tages mit deinen Freunden reden und du spüren würdest, dass irgendetwas los ist, und du müsstest sie praktisch anflehen, dir zu sagen, was los ist, bis sie dir endlich sagen, dass sie mich mit einem anderen Mann gesehen haben?«
»Ich würde seinen gottverdammten Namen herausfinden und zu ihm nach Hause gehen und ihn umbringen.«
Warum war ein Teil von ihr immer geschmeichelt, wenn er so etwas sagte? Als Mutter eines Teenager-Mädchens hatte sie sich angewöhnt, auch in den wüstesten Bemerkungen noch nach positiven Aspekten zu suchen, aber das hier war einfach lächerlich. Außerdem hatte Paul so große Probleme mit seinen Knien, dass er am Müllabfuhrtag kaum die Tonnen an den Straßenrand bringen konnte. Der größte Schock dieser Geschichte hätte eigentlich sein sollen, dass er noch immer eine Zwanzigjährige finden konnte, die mit ihm ins Bett stieg.
Abigail steckte den Schlüssel in das alte Metallschloss der Haustür. Die Angeln quietschten wie in einem Gruselfilm.
Die Tür war bereits offen.
»Moment mal«, sagte sie, als würde sie Paul unterbrechen, obwohl er gar nichts gesagt hatte. »Die Haustür ist offen.«
»Was?«
Auch er hatte nicht zugehört. »Ich sagte, die Haustür ist bereits offen«, wiederholte sie und stieß die Tür weiter auf.
»O Gott. Die Schule hat doch erst vor drei Wochen wieder angefangen, und sie schwänzt schon wieder?«
»Vielleicht die Putzfrau ...« Sie hielt inne, weil sie auf Glas trat. Abigail schaute nach unten und spürte, wie sich irgendwo unten in ihrem Kreuz eine kalte, scharfe Panik aufbaute. »Da liegen überall Scherben auf dem Boden. Ich bin eben reingetreten.«
Paul sagte etwas, das sie nicht verstand. »Okay«, antwortete sie automatisch. Sie schaute sich um. Eines der hohen Seitenfenster neben der Tür war kaputt. Sie stellte sich vor, wie eine Hand durch das Loch griff, den Riegel zurückschob und die Tür öffnete.
Sie schüttelte den Kopf. Im hellen Tageslicht? In diesem Viertel? Sie konnten nicht mehr als drei Leute auf einmal zu sich einladen, ohne dass die alte Spinnerin von gegenüber sich über den Lärm beschwerte.
»Abby?«
Sie befand sich in einer Art Blase, hörte alles nur gedämpft. Zu ihrem Mann sagte sie: »Ich glaube, da ist jemand eingebrochen.«
Paul bellte: »Raus aus dem Haus! Die könnten noch immer drin sein!«
Sie warf die Post auf den Tisch in der Diele und sah sich dabei im Spiegel. Sie hatte die letzten zwei Stunden lang Tennis gespielt. Die Haare waren noch feucht, einzelne Strähnen klebten ihr im Nacken, wo der Pferdeschwanz sich allmählich auflöste. Es war kühl im Haus, aber sie schwitzte.
»Abby?«, schrie Paul. »Geh sofort raus aus dem Haus. Ich rufe auf der anderen Leitung die Polizei.«
Sie drehte sich um und öffnete den Mund, um etwas - was? - zu sagen, als sie den blutigen Fußabdruck auf dem Boden sah.
»Emma«, flüsterte sie, ließ das Handy fallen und rannte die Stufen hoch zum Zimmer ihrer Tochter.
Oben auf dem Treppenabsatz blieb sie stehen, schockiert über das zertrümmerte Mobiliar, die Glasscherben auf dem Boden. Ihr Blickfeld verengte sich, und sie sah Emma als blutiges Häuflein am Ende des Gangs liegen. Ein Mann stand, ein Messer in der Hand, über ihr.