Vielen Menschen geht heutzutage vieles zu schnell. Ob im Beruf, im Privatleben oder in der öffentlichen Wahrnehmung - Rastlosigkeit und ein scheinbar unerklärlicher Drang nach noch schnelleren Prozessen greifen um sich.
In der Fortsetzung seines Bestsellers „Die Kreativität der Langsamkeit", das den anfangs seltsam anmutenden Titel „Entschleunigung" trägt, setzt sich der Gymnasiallehrer und promovierte Soziologe Fritz Reheis mit dieser Thematik auseinander, der „Beschleunigungskrankheit", wie er sie treffend umschreibt.
Wenn sogar schon die katholische Kirche in einer Pressemitteilung auffordert, sich „mehr Zeit für Intimität und Sexualität" zu nehmen, dann kann etwas mit unserem industriell-hektischem Lebenswandel nicht mehr stimmen. Fritz Reheis benutzt diese bemerkenswerte Aussage einer eher als „lustfeindlich" wahrgenommenen Institution als Aufhänger um zu fragen: wo bleibt all unsere Zeit? Warum muss alles immer schneller gehen? Und wo bleibt schließlich die Zeit, die man durch schnelleres Handeln eigentlich gewonnen haben müsste?
Der Autor teilt sein Werk in drei große Einheiten: wie ein Mediziner untersucht er zuerst die Symptome der Beschleunigungskrankheit, um mit ihrer genauen Diagnose fortzufahren und schließlich eine Therapie vorzuschlagen.
Um das Erscheinungsbild der Krankheit zu skizzieren, beginnt Reheis am Anfang eines jeden Lebenslaufes - in der Schule. Er erzählt vom „Lernen im Laufschritt", von der dort schon vorhandenen Überforderung des Menschen, die sich später im „gehetzten Arbeiten und ruhelosen Konsumieren" fortsetzt. Den Amoklauf von Erfurt und den 11. September sieht er als Ereignisse, die durch das ständige und stetige Auseinanderdriften der „schnellen" Gewinner und der „langsamen" Verlierer im Kleinen wie im Großen verursacht sind.
Reheis fragt anschließend nach den Ursachen der Krankheit: was treibt uns eigentlich so? Er belegt, dass die Marktwirtschaft in Zeiten der Globalisierung maßlos geworden ist. Der Kapitalmarkt ist dank der Quantensprünge in der Kommunikationstechnik zum schnellsten aller Märkte mutiert und lässt die Märkte für natürliche Ressourcen und menschliche Arbeitskräfte reaktionsunfähig und hilflos zurück.
Wenn ein Mensch mit einem System unzufrieden ist, aber keine Alternative erkennen kann, lässt er meist alles ohne Veränderung weitergehen. Reheis weiß das und bietet daher eine Vielzahl von Alternativen eines „zeitgemäßen Wirtschaftens" an. Er berichtet von den Erfahrungen mit der Dualwirtschaft, einer einkommens-, eigentums- oder geldreformierten Marktwirtschaft, einer tatsächlich demokratischen Planwirtschaft - und schlägt schließlich als Lösung die Kombination aus allem vor. Reheis ist hier ein wichtiger Schritt gelungen: er geht weg von den deduktiv aufgebauten, paradigmatischen Denkschemen der letzten Jahrhunderte und hin zu einer induktiven Philosophie, der es primär auf ein „gutes Leben für alle" ankommt.
Schließlich offenbart sich das Buch auch als kluger Ratgeber, wie man sein eigenes Leben „entschleunigen" und daher mehr genießen kann. „Wenn wir uns Zeit lassen, geht es uns besser", heißt denn auch die Überschrift des letzten Kapitels.
Fritz Reheis hat mit „Entschleunigung" ein in jeder Hinsicht absolut lesenswertes Buch geschrieben. Der Aufbau des Buches ist einleuchtend, Reheis' Stil ist brillant, die genannten drei großen Einheiten perfekt ausformuliert und in sich völlig stimmig. Auch wenn es Leser geben wird, die sich mit der Umsetzbarkeit der vom Autor vorgeschlagenen Wirtschaftsalternativen nicht anfreunden werden können - allein die Analyse der Beschleunigungskrankheit und ihrer Ursachen gehört zu den besten populärsoziologischen Veröffentlichungen der letzten Jahre.
Fritz Reheis ist ein weiter Wurf geglückt, der seine Idee der „Entschleunigung" einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen dürfte.