Notzeiten und Überfluss
Not macht erfinderisch - Überfluss macht faul, sagt der Volksmund. Aber keine Angst, liebe Leserin, lieber Leser, ich möchte Ihnen keine Nöte bereiten. Im Gegenteil, mit diesem Buch werde ich Ihnen zeigen, wie Sie auch ohne Not erfinderisch werden. Es stimmt natürlich, dass wir Menschen im Laufe der Entwicklung hier auf diesem Planeten Erde gelernt haben, wie man mit Notzeiten umgeht. Wie oft hat es schlechte Ernten gegeben, Überschwemmungen, Erdbeben, wie viele Kriege! Wie oft hat der Mensch nicht genug zu essen bekommen. Wir haben gelernt, damit umzugehen, unsere Zellen kennen dieses Programm. Sie wissen, was zu tun ist, wenn Hungersnöte ausbrechen. Sobald weniger Nahrung kommt, stellen sie sich darauf ein. Jedes Mal, wenn Sie weniger essen oder vorübergehend nichts mehr essen oder wenn eine Mahlzeit zu spät kommt, glaubt der Körper, es könnte schon wieder eine Hungersnot ausbrechen. Um das drohende Unheil so weit wie möglich zu lindern, setzt er einige Prozesse in Gang, mit denen wir uns hier noch beschäftigen werden.
Wir haben uns in Jahrmillionen menschlicher Entwicklungsgeschichte auf Notzeiten eingestellt. Diese Notzeiten können sogar hilfreich auf den Körper wirken - wenn sie nicht zu lange dauern. Wenn wir weniger essen oder vorübergehend auf Nahrung verzichten, kann der Körper nämlich Dinge abgeben, die er in Überflusszeiten nicht loswerden konnte, weil er mit der ständigen Zufuhr an neuen Nahrungsmitteln fertig werden musste.
Probleme entstehen jedoch, wenn wir zu viel bekommen. Der Mensch ist ja ein emotionales, ein Gefühlswesen, und er liebt es, sich zu verwöhnen, zu schlemmen, er liebt Genuss und Freude, und er hat ein Recht darauf. Er hat diese Fülle aber im Lauf seiner Entwicklung gar nicht so oft erlebt, wie man vielleicht denken könnte. Und deswegen kann der Mensch mit dem Überfluss - vor allem mit dem Überfluss des Genusses, insbesondere dem von Speisen - nicht gut umgehen. Der menschliche Verdauungstrakt ist schließlich kein Schlauch, in den man auf der einen Seite hineinsteckt, was auf der anderen Seite wieder herauskommt, wobei man die Durchflussgeschwindigkeit beliebig erhöhen könnte. Alles, was Sie durch den Mund aufnehmen, muss im Körper - soweit möglich - in seine Einzelbestandteile zerlegt werden. Diese Bestandteile werden vom Körper dann sozusagen inspiziert; das, was er gerne behalten möchte, nimmt er auf und den Rest scheidet er idealerweise wieder aus.
Das scheint aber in Zeiten des Überflusses offensichtlich nicht ganz zu klappen. Denn es zeigt sich deutlich, dass immer dann, wenn wir sehr viel essen, der Körper überlastet wird. Das ist eigentlich nicht möglich, denn Überlastung würde ja bedeuten, dass der Körper mehr tut, als er kann. Also geht er an seine äußersten Grenzen. Er nimmt das Essen auf, fängt auch an, es zu verdauen, das heißt, es zu zerlegen. Wenn es aber darum geht, nur das aufzunehmen, was er wirklich braucht, um den Rest wieder auszuscheiden, dann ist der Körper überfordert. Das bedeutet also, er nimmt jetzt Dinge auf, die er nicht braucht, und er kann so manches nicht mehr ausscheiden, was er eigentlich längst hätte loswerden müssen.
Das Hauptproblem der heutigen Wohlstandsernährung - und damit die Grundlage sehr vieler Krankheiten - liegt darin, dass wir einfach zu viel essen. Das ist eine Binsenweisheit, die Sie wahrscheinlich schon oft gehört haben, und es gibt ja da auch so genannte probate Mittel, beispielsweise die berühmte »FdH«-Methode: »Friss die Hälfte«. Wer sie ausprobiert hat, weiß, dass sie im Grunde genommen nicht funktioniert; ganz einfach deswegen, weil das, was wir zu uns nehmen, nicht von guter Qualität ist. Und wenn wir von Schlechtem die Hälfte essen, kann die Versorgung des Körpers mit wichtigen Nährstoffen, mit Vitaminen, Enzymen, mit Spurenelementen und Mineralien nicht mehr sichergestellt sein. Wir essen also zu viel und mehr noch: Wir essen zu viel durcheinander. Wir kennen das von luxuriösen Viel-Gänge-Mahlzeiten, von Festlichkeiten, Feiertagen usw. Häufig geht es den Besuchern solcher Festlichkeiten am nächsten Tag schlecht und es ist bekannt, dass nach üppigen Wochenenden am Montag früh die Wartezimmer der Ärzte überfüllt sind.
Wir essen also zu viel, und wir essen zu viel durcheinander und überlasten dadurch die Verdauungs- und Ausscheidungsorgane. Neben Magen und Darm sind auch alle anderen wichtigen Organe betroffen, die mit der Verdauung zu tun haben. Hier seien ganz besonders Leber und Nieren genannt: die Leber, die als unser größtes Entgiftungsorgan Schwerstarbeit zu leisten hat, nicht nur bei dem vielen (minderwertigen) Fett, und die Nieren, die bei der Ausscheidung durch den Urin eine Schlüsselrolle einnehmen. Die Überlastung dieser Organe wird offensichtlich, die Kapazitäten können nicht ohne weiteres gesteigert werden, weil der Verdauungstrakt kein simpler Schlauch ist.
Der Stoffwechsel ist im Körper Energieverbraucher Nummer eins. Hätten Sie das gewusst? Das klingt ein bisschen paradox, ist aber einer der Kernsätze dieses Buches. Wenn wir von Ernährung sprechen, von Essen, von Speisen und Getränken, dann denken wir immer daran, dass wir uns damit nähren. Wer genauer hinsieht, erkennt jedoch, dass eben der Gesamtapparat, der dazu notwendig ist, das Essen aufzunehmen, zu verdauen und das übrig Gebliebene wieder auszuscheiden, selbst einen riesigen Energieverbraucher darstellt. Die Wissenschaft hat festgestellt, dass alles, was mit dem Stoffwechsel zu tun hat, den größten Anteil am Gesamtenergieverbrauch des Menschen einnimmt!
Darüber hinaus hat der Biophysiker Dr. Warnke von der Universität Saarbrücken per Energiebilanz ausgerechnet, dass der Mensch nur 20 Prozent der Energie, die er täglich verbraucht, durch die Nahrung erhält. Der Rest kommt direkt von der Sonnenstrahlung. Er bestätigt damit ähnliche Berechnungen seines amerikanischen Physikerkollegen Dr. Reams und indirekt auch die Erkenntnisse der traditionellen indischen und chinesischen Medizin, die davon sprechen, dass sich der Mensch hauptsächlich von Prana respektive Chi, einer Art energetischer Nahrung, ernährt. Essen ist also in erster Linie stimulierend, indem es die richtigen Substanzen zur Verfügung stellt. Bei ungünstiger Lebensmittelwahl wird ein großer Teil der Energie, die das Essen bringt, bereits wieder für die Verdauung verbraucht.
Nun können Sie das natürlich ein bisschen steuern, je nachdem, was Sie essen. Es gibt Speisen, die leichter verdaulich sind und andere, die schwerer verdaulich sind. Wenn Sie also Speisen essen, die leichter verdaut werden, dann gibt es eine günstigere Energiebalance. Für die Verdauung wird dann weniger Energie verbraucht als bei anderen Speisen. Wenn Sie beispielsweise eine reife, saftige Birne essen, dann ernähren Sie sich besonders effektiv. Die guten Dinge, die in dieser Birne stecken, inklusive der Energie des Fruchtzuckers, werden innerhalb kürzester Zeit auf die einfachste und eleganteste und für den Körper am wenigsten strapazierende Art aufgenommen. Für die Verdauung wird dabei nur ein kleiner Prozentsatz der Energie verbraucht, die diese Birne mitbringt. Wenn Sie dagegen Fleisch essen, sieht die Energiebalance schon schlechter aus (Protein wird nicht zu Energie »verbrannt«). Essen Sie dazu noch Kartoffeln, Knödel oder Spätzle, dann kann es sein, dass mehr als die Hälfte der Energie, die diese Mahlzeit enthält, allein durch die Verdauung schon wieder verbraucht wird. Eine Maschine mit einem derart schlechten Wirkungsgrad würde niemand kaufen!
Was hat das nun zur Folge? Ganz offensichtlich mehrere Dinge: Das Schlimmste dabei ist, dass der Körper nicht mehr in der Lage ist, alles auszuscheiden, was er nicht braucht. Und wenn im Körper Dinge gespeichert werden, die er zumindest langfristig nicht braucht, dann sind das Stoffe, die ihn bei seiner Funktion behindern. Wenn diese Stoffe im Körper abgelagert werden, dann wirken sie wie Gift. Diese Gifte bezeichnet der...