Ich lebe seit fast sieben Jahren in Bolivien. Und deshalb bin ich immer neugierig auf Berichte über Reisen in den Andenländern. Manchmal ist man aber schon ziemlich erstaunt über das, was man da liest. Da erfahren wir z.B. auf Seite 260 über La Paz, dass bolivianisches Fastfood Schubkarren voller Weintrauben und in Bananenblätter gewickelte gekochte Kartoffeln seien.
Das war mir völlig neu.
Weintrauben sind nicht gerade die Spezialität von La Paz, wie man aufgrund der Höhe zwischen 3.100 und 4.000 Metern vielleicht schon selbst vermutet hätte. Gut, sicher, man kann Weintrauben durchaus kaufen, aber sie sind doch eher exotisch. Und erst recht 'in Bananenblätter gewickelte gekochte Kartoffeln'. Ich kann Ihnen versichern: Die gibt es nicht. Ich weiß auch nicht, warum ein Mensch, der halbwegs bei Sinnen ist, auf die Idee kommen sollte, Kartoffeln zum Kochen in Bananenblätter zu wickeln (ganz abgesehen davon, dass es hier kaum Bananenblätter gibt). Nach langem Grübeln bin ich darauf gekommen, dass die Autorin möglicherweise Humintas gesehen haben könnte. Das ist in Maisblättern gegarter Maisteig, und wenn man nicht so genau hinsieht und sich auch nicht die Mühe macht zu fragen oder zu probieren, könnte man tatsächlich glauben, dass es sich um Kartoffeln handelt.
Ein paar Seiten später wird ein Wechselkurs von 1000 Bolivianos für 80 Cent behauptet. Hier wird es jetzt endgültig mysteriös und man fragt sich, ob die Autorin hier jemals mit Geld zu tun hatte. Nur zur sachlichen Richtigstellung: Der höchste Wechselkurs, den es seit den Zeiten der Hyperinflation Mitte der 1980er Jahre gegeben hat, war 8,10 Bolivianos (in Worten: achtkommaeins) für einen US-Dollar. Aber vielleicht kann uns Frau Muller ja verraten, wo sie 1250 für den Dollar bekommen hat. Da würde ich dann auch zum Wechseln hingehen.
Ein paar Seiten später ist sie dann auf der Inka-Straße, vermutlich auf dem Takesi-Trail. So genau kann man das nicht sagen, denn Frau Muller nennt (aus gutem Grund?) den Namen des Trails nicht. Und mit den Ortsnamen hat sie es auch nicht so. Challa? Wahrscheinlich war es Chojlla. Ich bin den Takesi-Trail zweimal gegangen, aber nie war es ein so großes Abenteuer wie in diesem Buch. Und über den 'Fahrkartenschalter' in Challa habe ich herzlich lachen müssen. Wer irgendwann einmal in einem kleinen bolivianischen Dorf war, sei es Challa oder Chojlla oder sonst irgendeins, dem kommt allein die Idee eines Fahrkartenschalters grenzenlos absurd vor.
Danach habe ich das Buch weggelegt und auf den Kauf verzichtet. Wenn in dem Teil, den man selbst aus eigener Anschauung kennt und beurteilen kann, dermaßen viel Unsinn steht, wie viel Vertrauen darf man dann in den Rest haben?
Falschinformationen, maßlose Übertreibungen, Wichtigtuerei ' es scheint genau die Art von Reisebüchern zu sein, die die Welt nicht braucht. Und dass National Geographic dafür Geld gibt und Goldmann alles ungeprüft veröffentlicht (das Prüfen eines Wechselkurses dauert nicht einmal eine Minute), das spricht nicht unbedingt für die Sorgfalt dieser Verlage.