Neue Zürcher Zeitung
Kru. Auf die erste Frage im «FAZ»-Fragebogen, «Was ist für Sie das grösste Unglück?», antwortete der Historiker Golo Mann am 19. 12. 1980: «Ein falsches Leben zu führen.» Man darf die Auskunft ernst nehmen, da ein Mann von dieser geistigen Statur und Sprachkompetenz zwischen Indikativ und Konjunktiv zu unterscheiden weiss. Was aber ist konkret gemeint? Womöglich: das Leben eines Thomas-Mann-Sohns zu führen? Abwegig scheint diese Hypothese nicht; so wenig wie die Unterstellung, der «FAZ»-Redakteur Marcel Reich-Ranicki, der Golo Mann in glühenden Avancen als Mitarbeiter für sein Literaturblatt zu gewinnen suchte, habe in Golo Mann instinktiv die Nähe zu seinem Idol Thomas Mann gesucht und gefunden. Wiederum also musste der Umworbene (es ist angenehm und verführerisch, umworben zu sein) just die Rolle spielen, die er ein langes Leben lang floh: diesmal für den grossen Prinzipal M. R.-R. Beide Beteiligten scheinen diesen ironischen Konnex allerdings nicht zu sehen; jedenfalls deutet in ihrem zwischen 1974 und 1990 geführten Briefwechsel nichts darauf hin. «Lieber, sehr verehrter Herr», so geht das in gegenseitiger Verehrung, in floskelhaften Höflichkeitsbezeugungen munter hin und her, der eine sehr verehrte Herr lobt und herzt, was der andere sehr verehrte Herr für die allerseits sehr verehrte «FAZ» zu Papier bringt. Im Übrigen handelt es sich um eine rein technische Korrespondenz, wie man sie heute per Telefon oder E-Mail erledigt: Mahnungen, Anfragen, Kürzungsvorschläge usw. Volker Hage hat sie als weitere kleine Hommage zum 80. Geburtstag seines ehemaligen Herrn und Meisters R.-R., ergänzt um einige Arbeiten aus Manns Feder, zwischen Buchdeckel gepresst. Golo Manns Antwort auf die Frage nach seiner Lieblingsbeschäftigung lautete übrigens: «Etwas Gutes lesen.»
Golo Mann / Marcel Reich-Ranicki: Enthusiasten der Literatur. Ein Briefwechsel. Aufsätze und Portraits. Hrsg. von Volker Hage. S.-Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2000. 293 S.
Perlentaucher.de
Günter Ohnemus findet den Titel des Buches "etwas irreführend", weil unzutreffend. Denn selten werde hier über Literatur geredet, und schon gar nicht enthusiastisch. Dafür macht der Rezensent zwei andere Schwerpunkte aus: Zum einen hebt er hervor, wie sehr Reich-Ranicki (über den Ohnemus nicht nur Schmeichelhaftes berichtet) immer wieder Golo Mann als Autor für die FAZ umworben und ihn zum Schreiben motiviert hat. Zum anderen stehe wer hätte dies gedacht? in diesem Briefwechsel das schwierige Verhältnis Golo Manns zu seinem Vater Thomas im Vordergrund. Golo Mann verteidigt ihn (z. B. seinen Antisemitismus), er hasst ihn (hat ihm gar den Tod gewünscht) und findet: `Mich erwähnt nie jemand`. Reich-Ranicki hingegen "macht das Visier an keiner Stelle auf", findet Ohnemus, der dennoch zu dem Schluss kommt, dass Mann sich bei Reich-Ranicki zumindest was den Briefwechsel betrifft "geborgen gefühlt" hat. Ohnemus weist darüber hinaus darauf hin, dass neben dem Briefwechsel auch zahlreiche Gedichtinterpretationen Manns für die "Frankfurter Anthologie", Aufsätze von ihm und auch drei Beiträge von Reich-Ranicki über den Autor abgedruckt wurden.
© Perlentaucher Medien GmbH
Kurzbeschreibung
Aus der Bitte Reich-Ranickis um Rezension eines Buches für die Frankfurter Allgemeine Zeitung - »In dieser Zeitung ist immer Platz für Sie« - entwickelt sich eine Erörterung des komplizierten Mobiles der Familie Mann. Auf Marcel Reich-Ranickis Aufsätze und seine Studien über »Thomas Mann und die Seinen« antwortet Golo Mann detailliert. Er erzählt Anekdoten, die das kritische Moment der Homosexualität des Vaters betreffen, und schreibt über das Verhältnis der Geschwister untereinander, die alle unter dem übermächtigen Prinzipal litten. »I want to be myself and not the son«, lautet das bittere Aperçu Golo Manns, das er nicht zufällig in einer Fremdsprache notierte.
Aus den Briefen zwischen dem Bewunderer und dem großen Streitbaren erfahren wir aber nicht nur etwas über die innere Balance der Familie Mann, sondern wir sehen auch, mit welcher Offenheit Marcel Reich-Ranicki die Auseinandersetzung über eines seiner Lebensthemen suchte: Die Korrespondenz ist das ungeschützte Gespräch zweier Enthusiasten der Literatur.
Herausgegeben wird der Briefwechsel von Volker Hage, der seine Laufbahn in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bei Marcel Reich-Ranicki begann und heute das Ressort Literatur im Spiegel leitet.
»Auf dem Rückweg nach Zürich dachte ich mir, daß ich in meinem ganzen Leben noch nie einem Menschen begegnet sei, der soviel an seinem Vater gelitten und der soviel der Dichtung zu verdanken habe wie Golo Mann, der unglückliche Sohn eines Genies und der glückliche Bewunderer, der noble Enthusiast der Literatur.« Marcel Reich-Ranicki
Autorenportrait
Reich-Ranicki erhielt zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem: die Ehrendoktorwürde der Universitäten Uppsala, Augsburg, Bamberg und Düsseldorf, den Ricarda-Huch-Preis (1981), den Thomas-Mann-Preis (1987), den Bayerischen Fernsehpreis (1991), sowie den Ludwig-Börne-Preis (1995). Volker Hage, am 9. September 1949 in Hamburg geboren, ist Buchautor und Herausgeber sowie Redakteur im Kulturressort des "Spiegel". Zuvor arbeitete er - von 1975 bis 1986 - im Literaturblatt der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" sowie im "FAZ-Magazin" und war anschließend sechs Jahre leitender Literaturredakteur der "Zeit".