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Golo Mann - nicht nur der Sohn, 20. Juni 2009
Rezension bezieht sich auf: Enthusiasten der Literatur: Ein Briefwechsel (Gebundene Ausgabe)
Es ist ein Schlüsselsatz, und er verrät viel über den Menschen Golo Mann: "I want to be myself and not the son.", so in einem Brief vom 13. September 1985. Der Sohn! Auch in dem erschienenen Briefwechsel zwischen Golo Mann und Marcel Reich-Ranicki kommt Golo Mann (1909-1994) immer wieder auf die Vater-Sohn-Beziehung zu sprechen. "Der unglückliche Sohn eines Genies und der glückliche Bewunderer", so Reich-Ranicki, hat sein Leben lang darunter gelitten und konnte sich erst nach dem Tode Thomas Manns als Schriftsteller etablieren.
Um den Vater und auch und im besonderen um Literatur kreist der Briefwechsel, der seine ganze Bedeutung durch die Briefe Golo Manns und die in diesem Band veröffentlichten Aufsätze und Portraits erlangt. Der Briefpartner Marcel Reich-Ranicki spielt dabei mehr oder weniger eine Statistenrolle, ist Stichwortgeber - eine Rolle allerdings, für die wir ihm in diesem Zusammenhang sehr dankbar sein müssen. "Wie wäre es mit einem Gedicht von Rückert, Lenau, Platen oder Heine", erbittet Reich-Ranicki um einen Beitrag für die "Frankfurter Anthologie". Auch nimmt Golo Mann gern die Anregung auf, "einmal etwas Bewunderndes über den Onkel zu sagen" - und tut es in einem brillanten Aufsatz über Heinrich Manns "Ein Zeitalter wird besichtigt".
"In dieser Zeitung", der FAZ, "ist immer Platz für Sie", schreibt Reich-Ranicki. Und der sonst so selbstherrliche Kritiker regt nicht nur an; er akzeptiert ohne Widerrede die Beiträge des Historikers und homme de lettres, wagt nur zögerlich, Korrekturen zu benennen, eigene Meinungen zu vertreten und Kürzungen vorzunehmen. Zu groß ist der Respekt, den der Thomas Mann-Bewunderer dem Sohn zollt. So wurden großartige Aufsätze, wunderbare Rezensionen und sehr lesenswerte Gedicht-Interpretationen veröffentlicht, die im Anhang zu dem Briefwechsel aufgeführt werden - und eine faszinierende Lektüre versprechen.
Golo Mann, geistvoll, unendlich gebildet und ein blendender Stilist ist ein Enthusiast der Literatur, wie im Untertitel des Briefbandes formuliert wird. Auch, wenn er in aller Bescheidenheit (und gewiss nicht ohne ein Augenzwinkern) fragt: "Und was verstehe ich schon von Belletristik?" Bescheiden, immer auf Ausgleich bedacht ist Golo Mann auch in seiner Kritik, die natürlich vom Verstand, vor allem aber vom Herzen diktiert wird. "Kennen Sie mich ein wenig, so wissen Sie, dass ich immer für Kompromiß und Frieden und solche guten Dinge bin." So steht wohl das folgende Urteil auch nur Golo Mann zu: "Von den großen Novellen TMs habe ich sie ('Tonio Kröger') immer für die schwächste gehalten, es wäre denn, daß dieser Ehrentitel dem Ding genannt 'Unordnung und frühes Leid' zukäme."
So geht es in diesen Briefen - Briefe, wie wir sie übrigens heutzutage selten bis gar nicht mehr zu lesen bekommen - um das Verständnis Golo Manns von Literatur, um seine besondere Beziehung zur Lyrik und um seine Familie; ob er über seinen Vater Thomas, über den Onkel Heinrich oder die Geschwister Erika und Klaus schreibt. Nie ist sein Urteil harsch und ungerecht, eher von einer seltenen Noblesse - auch da, wo er selbst Zurückweisung und gar Verachtung erfahren hat. Und davon gab es in dieser schriftstellernden Großfamilie genug für den jungen Golo. Dass dies nicht ohne Verletzungen abging, ohne Niedergeschlagenheit und depressive Anwandlungen - wer wollte das nicht verstehen. Selten doch lässt Golo Mann etwas davon spüren. Sätze wie der folgende sind allerdings verräterisch: "Mich erwähnt nie jemand". Vielleicht liegt es aber auch "daran, dass ich mich eben rein gar nicht wichtig nehme".
Damit gewährt diese Korrespondenz auch tiefe Einblicke in die Psyche des Briefstellers. Das Verhältnis zu seiner Schwester Monika beschreibt er mit dem Satz: "Seine Geschwister erleidet man, seine Freunde sucht man sich aus...". "Erika war geistvoll, energisch und hilfreich-gütig, wenn es ihren Freunden und Geschwistern schlecht ging. Wenn es ihnen gut ging...das mochte sie gar nicht zu sehr". Und noch einmal zum "Vater-Komplex": "Schlimm stand es zwischen meinem zehnten und meinem zwanzigsten Jahr und davon blieb natürlich immer etwas hängen. Unvermeidlich musste ich seinen Tod wünschen; war aber während des Sterbens und danach völlig gebrochen...".
Dieses Buch, diese Korrespondenz ist deshalb mehr als eine flüchtige Randerscheinung zur Literatur. Sie ist ein lebendiger Dialog, Zeugnis großer Kenntnis und tiefen Verständnisses - und das Portrait eines außerordentlichen Menschen und Schriftstellers, der er selbst ist und nicht nur der Sohn.
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