Moralfreie Karrieregeilheit, 1. Mai 2010
Crichtons "Enthüllung" wird in Erinnerung an den Film weithin unterschätzt als das Macht-und-Sex-Spielchen einer skrupellos geilen Demi Moore mit einem verzweifelt gegen seine Begierden und anderer Leute Intrigen kämpfenden und schwitzenden Michael Douglas.
Die Geschichte beschränkt sich aber keineswegs nur auf die Frage, ob der talentierte Tom es schafft, seine frühere Geliebte und neue Vorgesetzte Meredith mit der Bezichtigung einer Vergewaltigung mal andersrum aus dem Büro zu befördern, auf welches er selbst eigentlich scharf ist.
Die unterliegende Story ist wesentlich komplexer und setzt sich ihrerseits wieder aus kunstvoll verflochtenen Teilsträngen zusammen. Es geht um die ewige Auseinandersetzung im Business:
Auf der einen Seite ungeduldige Karrieristen wie Meredith Johnson, die bereits in ihrem Wirtschaftsstudium auf moralfrei getrimmt wurden und bereit sind, beliebig andere Menschen und erst recht natürlich Unternehmen zu ruinieren, wenn sie sich dafür ein Treppchen höher auf der Karriereleiter mogeln können.
Auf der anderen Seite intelligente Nützlinge, deren Antrieb eher darin liegt, etwas aufzubauen, die eher abwehrend kämpfen als Erstschläge auszuführen - die aber letztlich genauso karrieregeil und skrupellos vorgehen.
Schließlich die Geldsammler und Puppenspieler, die jede Option sofort in Beträge umrechnen und ihren Erfolg weniger im Zweikampf als im Einsatz der anderen Figuren suchen. Auch dabei bleibt der Respekt vor dem Anderen auf der Strecke - ähnlich, wie ein Schachspieler die Figuren auf dem Brett nicht als seinesgleichen betrachtet.
Mit "Enthüllung" (US-Titel: Disclosure) gelang Micheal Crichton 1994 kurz nach den Jurassic-Park-Kassenerfolgen ein Lehrstück über die Perfidie von Business-Karrieristen, das in seiner Präzision, in der Beispielhaftigkeit der Figuren und in der Stringenz der Handlungen schon an Brecht erinnert - nur, dass es eben unsere Zeit, besser, unseren "Zeitgeist" widerspiegelt.
Dabei unterhält er in einer Art und Weise, wie es wohl selten einem Autor vor ihm gelungen ist. Die Spannung steigert sich bis an die Grenze der Unerträglichkeit, überraschende Wendungen halten den Leser bis zur letzten Seite in Atem und der Schluss, oft ein frustierendes Erwachen, setzt dem Ganzen einen echten Höhepunkt auf. Selbst noch der Ausklang und das Postskriptum zeigen die Meisterschaft des großen Romanciers und Drehbuchautors, der leider viel zu früh verstorben ist.
jury 5* A0122 1.5.2010eg
Buch/Film
Ich hatte den Film schon über ein Jahr nicht mehr gesehen, als ich jetzt das Buch las. Ich konnte dem psychologisch/juristisch/sozialen Hintergrund im Roman besser folgen als im Film und halte das für eine wesentliche Bereicherung. Der Tom im Buch kommt für mich deutlich reifer rüber als Michael Douglas - das ist natürlich auch subjektiv. Demi Moore ist ohnehin überhaupt nicht mein Typ.
Was mir im Buch fehlte, ist die m.E. wegweisende Architektur des Firmengebäudes und die heute noch spektakulär wirkende Computergrafik, vor allem in der VR.
Alterung der Technologie
Die Geschichte spielt in einer Hi-Tech-Fabrik in Seattle und enthält natürlich Elemente, über welche der technische Fortschritt bereits hinweggezogen ist. Dennoch ist die beschriebene Technologie bereits mindestens so aktuell wie das meiste, was heute in deutschen Büros herumsteht - ein Verdienst der bekannt guten Recherche Crichtons. Der leider oft so abstoßende "2001"-Effekt, die Überbetonung angeblich fortschrittlicher Technologie, die aber aus späterer Sicht nur noch lächerlich wirkt, findet in diesem Buch (übrigens auch im Film) also noch nicht statt.
Buch/Film
Ich hatte den Film schon über ein Jahr nicht mehr gesehen, als ich jetzt das Buch las. Ich konnte dem psychologisch/juristisch/sozialen Hintergrund im Roman besser folgen als im Film und halte das für eine wesentliche Bereicherung. Der Tom im Buch kommt für mich deutlich reifer rüber als Michael Douglas - das ist natürlich auch subjektiv. Demi Moore ist ohnehin überhaupt nicht mein Typ.
Was mir im Buch fehlte, ist die m.E. wegweisende Architektur des Firmengebäudes und die heute noch spektakulär wirkende Computergrafik, vor allem in der VR.