Crichtons "Enthüllung" wird weithin unterschätzt als das Macht-und-Sex-Spielchen einer skrupellos geilen Demi Moore mit einem verzweifelt gegen seine Begierden und anderer Leute Intrigen kämpfenden und schwitzenden Michael Douglas.
Bereits die Sex & Office* - Geschichte besteht nicht nur aus der Frage, ob der talentierte Tom es schafft, seine frühere Geliebte und neue Vorgesetzte Meredith mit der Bezichtigung einer Vergewaltigung mal andersrum aus dem Büro zu befördern, auf welches er selbst eigentlich scharf ist. Nun, für manchen mag eine solch brisante Mischung aus Karriere, Sex und Gericht bereits durchaus für einen Filmstoff ausreichen, aber Crichton fängt dort erst richtig an.
Eine zweite, unterliegenden Story ist wesentlich komplexer und setzt sich ihrerseits wieder aus kunstvoll verflochtenen Teilgeschichten zusammen. Es geht um die ewige Auseinandersetzung im Business:
Auf der einen Seite ungeduldige Karrieristen, die bereits in ihrem Wirtschaftsstudium auf moralfrei getrimmt wurden und bereit sind, nach Lust und Laune andere Menschen und erst recht natürlich die Unternehmen zu ruinieren, wenn sie sich nur dafür ein Treppchen höher auf der Karriereleiter mogeln können.
Auf der anderen Seite die nicht minder ehrgeizigen Nützlinge, deren Antrieb eher darin liegt, etwas aufzubauen, die eher abwehrend kämpfen als selbst zuzuschlagen.
Schließlich die Geldsammler, die jede Option sofort in Beträge umrechnen und ihren Erfolg weniger im Zweikampf als im raffinierten Einsatz der anderen Figuren suchen, ähnlich, wie ein Schachspieler die Figuren auf dem Brett nicht als seinesgleichen betrachtet.
In "Enthüllung" (US-Titel: Disclosure) lieferte Micheal Crichton 1994 kurz nach den Jurassic-Park-Kassenerfolgen ein Lehrstück über die Perfidie von Business-Karrieristen, das in seiner Präzision, in der Beispielhaftigkeit der Figuren und in der Stringenz der Handlungen schon an Brecht erinnert - nur, dass es eben unsere Zeit, besser, unseren "Zeitgeist" widerspiegelt. Bereits ein Jahr später produzierte er selbst mit gut gefüllten Kassen "Enthüllung", welches mit Regisseur Barry Levinson übrigens in knapp 2 1/2 Monaten abgedreht war.
Im Film geht die klassische Stringenz zugunsten einer flüssigen Handlung leider verloren. Auch die im Buch ständig geübte Dialektik musste wohl einfacher gestrickten Gut-Böse-Schemata untergeordnet werden. Die Home-Story wurde amerikanisch aufgebläht - ein klarer Makel des Streifens.
Dennoch ist der Film spannend. Wen Demi Moore anspricht, der kann vielleicht aus ihrem Auftritt noch Spuren von Erotik herausfiltern, mir ist das nicht gelungen - es ist für die Handlung ohnedies nícht wesentlich. Donald Sutherland als Zyniker-Weltmeister brachte Niveau in den Set, sehr gut gefällt mir Roma Maffia als furztrockene Anwältin im Kampf gegen sexuelle Machtspielchen. Dennoch fällt es mir schwer, Michael Douglas den hellen Kopf zu glauben, und wie es bei Demi Moore zum entscheidenden Viertelstündchen kommen sollte, kann ich als Mann einfach nicht nachvollziehen - immerhin war die Wäsche vom Feinsten. Aber: alles Geschmacksache, natürlich.
Das Gebäude der "DigiCom" und die Innenarchitektur sind der Hammer - 15 Jahre her, mein lieber Schwan, zeigt das doch bitte mal unseren Architekten und Bauherren!
film-jury 4* A0123 3.5.2010eg Genre: Drama | Thriller
Buch/Film
Ich konnte dem psychologisch/juristisch/sozialen Hintergrund im Buch wesentlich besser folgen als im Film und halte das für eine wesentliche Bereicherung. Der Tom im Buch kommt für mich deutlich reifer rüber als Michael Douglas - das ist natürlich auch subjektiv. Es lohnt sich sicher, zum "Buch danach" zu greifen.
Alterung der Technologie
Es ist nur natürlich, dass in älteren Filmen Oldtimer-Autos herumfahren, Telefone mit Wählscheiben klingeln und ältere Fernseher flimmern. Meistens stört das nicht besonders die Wirkung. Wenn aber in alten Filmen futuristische Technik herausgestellt wird wie die "Virtual Reality" in "Enthüllung", muss der Zuschauer unter Umständen wie ein Rössl zwei zurück und eins vor springen. Irgendwann belastet solches dann doch die Illusion, verliert die Glaubwürdigkeit.
"Enthüllung" spielt in einer Hi-Tech-Fabrik in Seattle und enthält natürlich Elemente, über welche der technische Fortschritt bereits hinweggezogen ist. Dennoch, auch 2010, gut 15 Jahre später, ist die dargestellte Basis-Technologie immer noch dem Standard von 90% der deutschen Industrie deutlich voraus - was natürlich ebenso an der Rückständigkeit der deutschen Industrie als auch an der bekannt guten Recherche Crichtons liegt. Und "Virtual Reality" findet man bisher zwar im Zusammenhang mit Computerspielen, aber nicht in geschäftlichen Anwendungen. Der "2001"-Effekt findet in diesem Film also noch nicht statt.
* im Buch ist immer wieder vom in Seattle beheimateten Microsoft die Rede - in einer Szene geben betrunkene Microsoft-Mitarbeiter voll den Proll. Ein pikanter Hintergrundaspekt besteht aus den glaubwürdigen Gerüchten ("Computerkrieg"), dass der junge Gates jeden Rock zu jagen pflegte, der sich in die Büros des Softwareriesen verirrte.