Man sollte sich nicht von Kritik, die der Film vielleicht vorinformiert, unaufmerksam, immun gegen reizende Frauen oder einfach nur auf dem falschen Fuß erwischt hat, irritieren lassen. "Derailed" einfach einlegen, anschalten und unbefangen(!) genießen - das ist perfekte, spannende und in mehrfacher Hinsicht aufregende Unterhaltung vom Feinsten.
Dieses Vergnügen will ich nun wirklich niemandem verderben - daher gibt es in dieser Rezension auch keine Zeile, welche die Überraschungen des Plots vorwegnimmt.
Mikael Håfström setzte das vorzügliche Drehbuch von Stuart Beattie nach einer Romanvorlage von James Siegel 2005 mit feinem Gespür für das Timing und die Dynamik der Erzählung in Szene. Dabei standen ihm drei bestens aufgelegte und ideal besetzte Stars zur Seite: Vincent Cassel (39) gibt einen zynisch-perfiden Gangster, Clive Owen (41) einen liebevollen Vater mit überraschenden Schwächen und Stärken - vor allem aber Jennifer Aniston (36) verleiht dem Film atemraubend erotischen Glanz: hier spielt sie nicht das tapfere Vorstadt-Dummchen, sondern zeigt, dass sie erotische und vielschichtige Rollen vorzüglich - man ist geneigt, zu sagen: gnadenlos - umsetzen kann.
Denn seit Miguel Artetas "The Good Girl" bemüht sich Jennifer Aniston, Tochter des griechischen Schauspielers John Anastasakis und Vorgängerin von Angelina Jolie bei Brad Pitt, zäh und zunehmend erfolgreich um ein anspruchsvolleres künstlerisches Image. Sie kann es sich als nach - schon wieder - Angelina Jolie bestverdienendste Schauspielerin und 2004 - diesmal vor der Jolie - "schönster Mensch der Welt" laut "People" leisten. Das hätte sie in Hollywood natürlich dennoch nicht gedurft, weil das Publikum nach Überzeugung der Studios seinen Lieblingen einen Wechsel des Charakters nicht verzeiht. Doch "Entgleist" war der endgültige Bruch mit "Romantic-Comedy" - geradezu umwerfend, mit wieviel Raffinesse Aniston die Femme Fatale gibt. Aufregender als Angelina Jolie? Ich meine: Ja.
Solches dürfen die Kinderwagen-schiebenden Strickpulli-Ehemänner der Vorgarten-Muttis, die einst in Anistons Filme geströmt sind, natürlich nicht öffentlich zugeben.
Und auch gegen ein weiteres Vorurteil hat der Film zu kämpfen: Gewalt darf nach gängiger Hirnwäsche im Kino natürlich von Gangstern und sonstigen Gewalttätern aller Art, Soldaten, Irren, Spinnern, Ritalin-zugedröhnten Schülern, Robotern, Monstern und natürlich Polizisten ausgeübt werden - aber sobald sich ein(e) "Normale(r)" wehrt, läuten bei den Medien-geimpften Bürgern die Alarmglocken: "Statt um das Leben seiner Tochter zu kämpfen, hätte ein rechtschaffener Mensch doch besser die andere Backe hinhalten sollen!"
Oft spielt auch der Vorwand "Unglaubwürdigkeit" eine Rolle - dabei wird völlig übersehen, dass viele scheinbar brave Normalbürger in einem Staat, der wie die USA unaufhörlich Kríege führt, unter Umständen durchaus ein paar Jahre lang in Gewalt gegen Menschen mit verschiedensten Methoden, allen denkbaren Waffen und nach allen Regeln der Kunst trainiert worden sind.
Trotz alledem spielte die 22 Millionen teure, in Chicago spielende europäische Produktion "Derailed" sogar und alleine in den USA nette 36 Millionen Dollar ein. Lerne: Gegen Vorurteile ist vielleicht kein Kraut gewachsen, aber Qualität setzt sich durch.
Die britisch-französische Koproduktion läuft in der US-Kino-Version 112 Minuten. Produziert wurde 2005 in Chicago auf 35 mm Film im Format 2,35:1 DTS|DD|SDDS mit 2K Digital Intermediate.
Auf der Touchstone-DVD, welche die außerhalb der USA auf 108 Minuten gekürzte Kinoversion enthält, gefallen die vielen Tonspuren und Untertitel-Sprachen. Dennoch würde man sich sicher - gerade von einem solchen Ausnahmefilm - eine Blu-ray dieses technisch auf dem Stand der Zeit erstellten Films in einer Uncut-Version wünschen.
film-jury 5* A0793 21.11.2011eg Genre: Drama | Thriller
Presse: "Einen spannenden Film, der Anklänge an die Handlungsführung des Altmeisters Hitchcock enthält, hat Regisseur Mikael Håfström geschaffen. Der Schwede zeigt..., daß er ein feines Gespür für die Mechanismen von Macht und Grausamkeiten hat. Clive Owen als dackeläugiger Familienvater, Jennifer Aniston als rätselhaft-leidenschaftliche Unbekannte, vor allem aber Vincent Cassel als brutaler Fiesling überzeugen." (Volker Behrens, Hamburger Abendblatt, 23. Februar 2006)