Zum Plot: Erzählt wird die Geschichte von Selma Brechthold. Die 49 jährige Protagonistin ist als Chefdramaturgin bei den Wiener Festspielen tätig. Sie ist eine absolute Powerfrau, der alles zu gelingen scheint. Doch eines Tages wird ein "Schlusspunkt" in ihrem Leben gesetzt. Der Chef der Wiener Festspiele tauscht sie von heute auf morgen gegen seine Geliebte, eine wesentlich jüngere Frau aus. Der Lebensgefährte von Selma, von dem sie, hätten beide sich nicht zur Abtreibung entschlossen, ein Kind bekommen hätte, verlässt sie auch wegen einer Jüngeren. Das ist nun die Situation des Verlassen Werdens, des vollendeten Verlassen Seins.
Selma kehrt zunächst, was man nicht unbedingt von einer 49 jährigen "Metropolenfrau" erwarten konnte, zu ihrem Vater zurück. Und nun beginnt eigentlich die Bewegung. Es ist die Bewegung aus Wien mit dem Flugzeug nach London. Hier will sie eigentlich eine englische Dramatikerin, Sarah Caine, dramaturgisch beraten. Aber ihre desaströse Grundsituation, bei der sie manchmal sogar Selbstmitleid an den Tag legt, schlägt dann irgendwann um, als Selma über ihr Leben reflektiert und ihr Schicksal in die Hand nimmt. Und dann wird sie am 7. Juli 2005 Opfer des Londoner U-Bahn Anschlags. Die Angst wird Wirklichkeit und Selma wird völlig aus der Bahn geworfen. Sie erweist sich als nicht hysterisch, benimmt sich großartig. Völlig verwildert und verroht, innerlich wie äußerlich, verlässt sie die U-Bahn. Sie läuft durch die Stadt und begegnet den unterschiedlichsten Figuren, die auch in irgendeiner Form mit Verwilderung und Verrohung zu tun haben. Sie, die früher zu der Kultur Schickeria gehörte, ist nun sozial ganz weit nach unten gefallen, mit solchen Menschen wäre sie früher nie in Kontakt gekommen. Mit einem geistig behinderten Schwarzen kommt es zu einem Happening. Man könnte sagen, an Dante angelehnt, es kommt in Zusammenhang mit einem Sternenhimmel zu einer regelrechten Offenbarungssituation. Der Schwarze ist jedoch nicht die einzige Erlöserfigur. Es gibt da noch einen subkulturellen katholischen Priester, der im Porno Milieu verkehrt. Zu ihm baut diese Selma eine ganz eigenartige Sehnsuchtsbeziehung auf. Mit anderen Worten, diese Buch Entfernung" Punkt, ist wirklich eine Entfernung.
Erzählzeit und die erzählte Zeit, 24 Stunden an zwei Tagen, sind identisch und das liegt in erster Linie daran, dass Marlene Streeruwitz Erzählweise ein Stakkato ist. Der Leser muss sich erst an diese "Syntax Schredderung" gewöhnen. Zum Teil gibt es auf den einzelnen Seiten über 60 Schlusspunkte. Das Buch hat einen langen Anlauf. Man braucht zwanzig, dreißig Seiten um in diesen Rhythmus hinein zu kommen. Aber dann entwickelt sich ein ganz starker Sog.
Da die Autorin sehr genau beobachtet und erzählt, entsteht hier beiläufig ein großes Gesellschaftspanorama. Es ist nicht nur die Innenschau der Figuren, sondern es ist gleichzeitig ein Gang durch London, eine kapitalistische Stadt mit all ihren Machtstrukturen. Es ist tatsächlich ein auffälliges Verhältnis von Mikro- und Makrostruktur. Die Gedankenfetzen sind sehr klein gehalten. Viele Sätze enthalten auch so etwas wie eine elliptische Schleife. Und die Gedanken jagen zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein irgendwie durch das Hirn und durch die Gefühle. (stream of concionsness). Die brillant geschildert Makrostruktur stellt das Attentat in der Londoner U-Bahn da.
Die vielen Punkte in dem Buch geben den Rhythmus vor. Die Autorin arbeitet in ihrem Text kaum mit Beschreibungen, sie zeigt nur Glassscherben scharfe Umrisse auf. Da der Punkt nun von jedem Leser verstanden wird, sieht die Autorin, so wie sie es publiziert hat, darin eine Plattform auf die sich der Leser begeben kann und von der er sich dann auf die unterschiedlichsten Betrachtungsebenen hingeben kann. Vielleicht ist der Punkt hinter Entfernung aber auch so eine Art heitere Ironie.
Die Kritik ist sehr hart mit dem Buch umgegangen, zum Teil empfindlich unterhalb der Gürtellinie. Möglicherweise kannten sich die Kritiker nicht mit der literarischen Technik aus. Die Erzählform ist ja "Bewusstseins Stromtechnik", in einer ganz spezifischen Form. Dieser Bewusstseinsstrom und diese Beschreibungsintensität, ganz ohne Adjektive, tragen gleichsam zur Genauigkeit der Handlung bei. Die Autorin spannt eine dünne Oberfläche die mit Löchern durchstanzt ist und die damit Durchblicke an die Schichten darunter ermöglicht. Das Wagnis der Durchsichtigkeit liegt in der semantischen Überlappung der Sätze.
Ein Kritiker hat der Protagonistin geraten, aufzustehen und von der Autorin weg zu gehen. Möglicherweise liegt die Aversion bei den Kritikern auch darin begründet, dass sie es nicht ertragen konnten, wie schonungslos Marlene Streeruwitz mit der Selma, in ihrer verhängnisvollen Lage umgegangen ist.
Ich kann dieses Buch mit Nachdruck empfehlen.