"Enter the void", Gaspar Noés dritter Film, ist eine dreistündige cinematografische Grenzerfahrung. Ich kann sagen, dass ich es nicht bereue, den Film gesehen zu haben. Wer sich für ungewöhnliche Wege und künstlerisch eigenständige Formsprachen interessiert, wer auf der Suche nach Nie-Zuvor-Gesehenem ist, wer sich von ungewöhnlichen Kamerafahrten gern überraschen lässt und eine Ader für das Experimentelle besitzt - der ist quasi dazu verpflichtet, sich "Enter the void" anzusehen.
Aber ist es auch ein guter Film? Ich bin da unschlüssig.
Die Helden der Geschichte sind Oscar und Linda, zwei twentysomethings, die es als Waisen nach Tokio verschlagen hat. Nach dem Unfalltot der Eltern haben sie sich ewige Geschwister-Treue geschworen. Oscar ist drogenabhängig und dealt in der Tokioter Klubszene. Linda ist Striptänzerin. Bei einem Drogendeal wird Oscar hochgenommen. Auf der Flucht vor der Polizei wird er erschossen. Ab diesem Zeitpunkt folgen wir seinem Geist, der Linda weiterhin begleitet - und der auf der Suche nach einem Tor für seine Wiedergeburt ist.
Auf visueller und akkustischer Ebene ist "Enter the void" phantastisch, bewusstseinserweiternd, bisweilen magisch. Sie werden Dinge sehen, die Sie noch nie gesehen haben. Bis zu seinem Tod folgen wir Oscar per Handkamera auf derart intensive Weise, dass wir uns tatsächlich mit ihm in den Straßenschluchten des nächtlichen Molochs Tokio wähnen. Und wenn er zum Geist geworden ist, geht es gemeinsam mit ihm buchstäblich durch die Wand. Grandios!
Leider hapert es bei der Geschichte. Vielleicht liegt es ja auch an mir. Aber ich habe bisher noch keine überzeugende Auseinandersetzung eines westlichen Regisseurs mit Buddhismus und Reinkarnation gesehen. Es wirkt jedesmal so, als ob ein minderjähriger Konfirmand sich Sonntags auf die Kanzel stellt, um zu predigen. Ich kaufe es einfach nicht. Das ging mir bei "The fountain" so. Und das wiederholt sich nun bei "Enter the void". Es ist unterkomplex. Es wirkt angelesen. Auf dem Weg zu seinem gewaltsamen Tod erzählt Oscars Freund Alex ihm vom Tibetischen Totenbuch. Hören Sie sich diese Sentenz an - dann haben Sie den Plot. So wie es hier erzählt wird, werden wir es mit Oscars Geist nacherleben. Ungelogen - ich habe eine Stunde vor dem Ende des Films gewusst, wie die Auflösung sein wird. Was hier wohl als unvorherzusehender Endtwist gedacht war, kommt ungefähr so überraschend, wie ein sich langsam nähernder Kohlezug. Lesen Sie sich den Wikipedia-Eintrag zum Tibetischen Totenbuch durch - voila, ce sa. Wer einen wirklich vielschichtigen Film über die fernöstliche Geisterwelt sehen möchte, dem empfehle ich "Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben".
Hinzu kommt erstens, dass der Film bei aller optischen Raffinesse, all der genialen Kameraarbeit und all den überzeugenden Darstellern einfach zu lang ist. Mindestens eine halbe Stunde könnte hier weggekürzt werden. Es täte der Sache gut.
Zweitens begann mich nach einiger Zeit Gaspar Noés Hang zum Draufhalten zu nerven. Der Regisseur ist leider kein Freund vornehmer Zurückhaltung. Aufprallunfälle, ein frisch abgetriebener Fötus in einer Blechschale? Krass, da halten wir voll drauf! Leute haben Sex? Yeah, das schauen wir uns mal näher an! Paz de la Huerta ist eine schöne Frau und gute Schauspielerin. Nach drei Stunden kennen wir ihre Linda in- wie auswendig sehr gut. Ihren Geburtskanal eingeschlossen. Zum Ende des Films kippt dieser Hang zur Hardcore-Ästhetik ins unfreiwillig Komische.
Eins noch: ich bezweifle ernstlich, dass dieser Film auf einem kleinen Bildschirm auch nur annähernd die visuelle Wirkung entfalten kann, die es rechtfertigt, sich diese krude Geschichte anzuschauen. Wer zuhause keinen Beamer, keine gute Soundanlage und keine große, weiße Wand in einem gut abzudunkelnden Raum besitzt, der wird mit "Enter the void" keine Freude haben. Dieser Film braucht Fläche, um wirken zu können.