Kurzbeschreibung
Geradezu überwältigend ist die landschaftliche Vielfalt der zweitgrößten Insel im Mittelmeer von den Traumstränden am türkisblauen Meer bis zum einsamen, mit dichten Eichenwäldern bedeckten Bergland. Vorgeschichtliche Kulturen haben ebenso wie Karthager, Römer, Byzantiner, Pisaner und Spanier ein reiches Erbe hinterlassen. Auf geschichtsträchtigem Boden erheben sich tausende von Nuraghen, Steintürme einer berühmten bronzezeitlichen Kultur, stolz in der Landschaft.
Über den Autor
Auszug aus Entdeckungsreise durch Sardinien. Nuraghen und Naturerlebnis. von Andreas Stieglitz. Copyright © 2003. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Sardinien wartet mit einem reichen archäologischen Erbe auf. Auf geschichtsträchtigem Boden erheben sich tausende von Nuraghen stolz in der Landschaft uralte Steintürme, die auf eine großartige bronzezeitliche Kultur zurückgehen. Faszinierende phönizisch-punische Ausgrabungsstätten, interessante Bauten aus der Römerzeit und bezaubernde Pisanerkirchen im Stil der Romanik lassen Besucher in die bewegte Geschichte der Insel eintauchen, deren wechselvolle Geschicke zumeist von fremden Eroberern bestimmt wurden. Noch heute wachen zahlreiche alte Sarazenentürme über die Küsten, die immer wieder von Piratenüberfällen bedroht waren.
Das Dach der Insel, der einsame Gennargentu, erreicht fast 2000 m Höhe. Weiter östlich erstreckt sich das wilde Kalksteingebirge des Supramonte mit seinen imposanten Felswänden, dicht bewaldeten Hängen und felsigen Talschluchten. Nicht weit von der mondänen Costa Smeralda, wo sich der Jetset trifft, erheben sich die zerklüfteten Granitkämme der Gallura. Wind und Wetter haben im Laufe der Zeit wie von Künstlerhand bizarre Felsformationen herausmodelliert.
Gesteine aus allen geologischen Epochen gestatten es, eine kleine Entdeckungsreise durch die Erdgeschichte zu unternehmen. Alte Minen und verlassene Bergbaudörfer zeugen davon, dass Sardinien einst wegen seines Erzreichtums eine wahre Schatzkammer war. Auch in literarischer Hinsicht ist Sardinien eine Entdeckungsreise wert, etwa auf den Spuren eines Heinrich von Maltzan, der die Insel im Jahr 1868 auf abenteuerliche Weise kennen lernte und darüber einen höchst lesenswerten, amüsanten und aufschlussreichen Reisebericht verfasst hat. Oder Grazia Deledda, die sardische Nobelpreisträgerin für Literatur, die ihrer Heimat mit ihrem Werk ein literarisches Denkmal gesetzt hat.
Bei alledem nicht zu vergessen ist die ausgezeichnete Küche der Insel, eine schmackhafte Verbindung von herzhafter sardischer und exquisiter italienischer Kochkunst. Begeben Sie sich auf eine Entdeckungsreise durch Sardinien und lernen Sie den kleinen Kontinent kennen.
Land und Leute
Unter allen Inseln des Mittelmeeres ist Sardinien vielleicht die rätselhafteste. Erst in den 1960er Jahren wurde die vergessene Insel vom Tourismus entdeckt. Beeindruckt von einer archaischen Kultur und einem fremdartigen, zuweilen abweisend-öden Land, beschrieb D. H. Lawrence 1921 in Sea and Sardinia das Gefühl des Urtümlichen und Zeitlosen, das die Besucher Sardiniens bis heute ergreift: Nun war kein Leben in Sicht, nicht einmal ein Schiff auf dem blassblauen Meer... Felsgestein tritt zutage. Es war ein wildes, dunkel-buschiges Land, dem Himmel ausgesetzt, dem Meer und der Sonne überlassen. Während Italien unsere Vorstellung einer klassischen Kulturlandschaft geformt hat, wird das Antlitz Sardiniens bis heute von einer viel älteren, vorgeschichtlichen Kultur geprägt. Die vielen tausend Nuraghen zeugen davon und auch das oft karge, felsige Land scheint in eine ferne Vorzeit zu verweisen.
Jahrtausende der Menschheitsgeschichte sind an der Insel vorbeigezogen, scheinbar ohne sie in ihrem Wesen verändert zu haben. Irgendwo zwischen Europa und Afrika gelegen, befand sich Sardinien in geschichtlicher Zeit stets am Rande der abendländischen Kulturen. Die Insel wurde von fernen Herrschern regiert, doch gelang es ihnen nie, von ihr wirklich Besitz zu ergreifen. Der genius loci konnte sich auch und gerade in den Zeiten der Fremdherrschaft erhalten; lang anhaltende Isolation hat bis in das 20. Jahrhundert hinein archaische Traditionen am Leben erhalten.
Nach einem alten sardischen Schöpfungsmythos, der unterschiedlich erzählt wird, hatte Gott, als er die Welt erschuf, schließlich nur noch einige Steinbrocken übrig. Er warf sie ins Meer, trat mit dem Fuß darauf und Sardinien ward erschaffen. Es war freilich eine karge, felsige Einöde. So nahm Gott von seinem bereits fertigen Werk jeweils das Beste und verteilte es auf der Insel. Der Ursprung des Namens Sardinien liegt indes im Dunklen. Vielleicht stammt er von den Sardana, einem Seevolk, das von Pharao Ramses II. im 12. Jahrhundert v. Chr. besiegt wurde. Ob die Sardana allerdings je auf Sardinien sesshaft waren, ist ungewiss.
Das zentral im westlichen Mittelmeer gelegene Sardinien ist von seiner Nachbarinsel Korsika durch die nur 12 km breite Meerenge von Bonifacio getrennt, doch bestand nie viel Kontakt zwischen beiden Inseln. 184 km sind es von der Costa del Sud zur tunesischen Küste, 191 km ist die kürzeste Distanz zwischen Sardinien und dem italienischen Festland. Damit ist Sardinien weiter vom Kontinent entfernt und räumlich isolierter als jede andere Mittelmeerinsel. Als ein Volk von Hirten und Bauern lebten die Sarden bis vor kurzem eher meerabgewandt, Fischfang und Handelsschifffahrt waren unbedeutend. Es fehlten geschützte Naturhäfen, die Küsten waren bis in die Neuzeit hinein stets von Sarazenenüberfälle bedroht und überdies waren die Küstenebenen bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts als malariaverseuchte Fiebergründe gefürchtet. Erst der in den 1960er Jahren einsetzende Badetourismus hat eine Umkehr gebracht und den Blick auf die Küsten gelenkt.
Sardinien ist eine Insel der Steine und Felsen. In blassblauen Schattierungen zeichnen sich schier endlos gestaffelte Gebirgsketten in dunstiger Ferne ab. Gezackte Granitkämme, zerschnittene Schiefergebirge und schroffe Karstmassive mit tiefen Felsschluchten wechseln einander ab. Majestätische Tafelberge und kühne Vulkankegel erheben sich aus weiten, afrikanisch anmutenden Ebenen. Wind und Wetter haben phantastisch geformte Felsen geschaffen. Weit verzweigte Tropfsteinhöhlen erstrecken sich im Innern der Kalksteingebirge, reiche Erzadern durchdringen kahles paläozoisches Bergland.