Noch heute wird Afrika gerne als Einheit gesehen, als „schwarzer" Kontinent eben. Dabei ist die Heimstatt von 53 Staaten nie einheitlich gewesen, vor der Kolonialisierung Ende des 19. Jahrhunderts gab es rund 10.000 politische Einheiten. Wie sich dieses Afrika durch Europäer veränderte, schildert Jean de la Guérivière, der bei der französischen Tageszeitung Le Monde das Ressort Asien/Afrika leitet.
Dem Autor gelingt es, die Entdeckungsgeschichte in nur sechs Kapiteln zu gliedern. Er startet mit „Aus dem Meer tauchen Menschen auf". So müssen es die Einheimischen wahrgenommen haben, als im 15. Jahrhundert Weiße an ihren Küsten erschienen. Das zweite Kapitel „Die Verlockung Timbuktu" beschreibt die Zeit ab dem Ende des 18. Jahrhunderts, als die Stadt in Mali der Mythos für Afrika schlechthin war. Zweihundert Jahre lang hatten sich über 40 Europäer bemüht, sie nicht nur zu erreichen, sondern auch lebend wieder in die Heimat zurückzukehren, bis dieses Kunststück 1828 dem Franzosen René Caillié gelang. In den beiden zentralen Kapiteln „Die Magie der Ströme - Nil und Sambesi" und „Tief im Innern des tropischen Regenwalds" schildert de la Guérivière, wie sich die Motive der Entdecker vom Idealismus zur Profitsucht wandelten. Neben Menschenfreunden wie Brazza tauchen vermehrt Gestalten wie Stanley in der unrühmlicher werdenden Geschichte auf, die im fünften Kapitel „Die Eroberer" beschrieben wird. Der Kolonialismus zählt zu den dunkelsten Zeiten, nicht nur für Afrika, sondern auch für Europa. Das Buch ist dort besonders interessant, da die französische Perspektive den größten Raum einnimmt - eher selten in deutschen Publikationen. Im abschließenden Kapitel „Die Entdecker der Kulturen" wird dann Versöhnliches angesprochen.
Ein großer Teil der Faszination des Buches im Atlasformat geht von der Bebilderung aus. Fast ausschließlich wird zeitgenössisches Material verwendet, von der Briefmarke mit Eingeborenenmotiv bis zur farbigen Historienmalerei. Hier kann der Zeitgeist nachvollzogen werden, der dem Fremden nicht nur mit Überheblichkeit, sondern auch mit naiver Neugier begegnete.
Fast schon möchte man vollkommen zufrieden die Buchdeckel zuklappen, doch auf den letzten Seiten springen vermeidbare Fehler ins Gesicht: Dian Fossey wird als „Diane" bezeichnet, ihr Todesjahr mal mit 1987, mal korrekt mit 1985 angegeben, und das Foto, das die Forscherin beim Beobachten von Gorillas zeigen soll, tut dies nicht - es sei denn sie hätte einen Vollbart getragen. Doch dieser Lapsus kann das Gesamturteil nicht trüben: Unbedingt empfehlenswert.