Kurzbeschreibung
Wenn wir den Sport nicht hätten, müßten wir ihn erfinden - doch wer hat ihn erfunden? Diese Frage wird in dem Buch ausführlich beantwortet. Dabei werden die Leser nicht nur mit der fremden, zum Teil befremdlichen Welt des Fußballs, Pferderennens, Lawn Tennis und anderer populärer Sportarten des 18., 19. und frühen 20. Jahrhundert konfrontiert; sie werden zugleich durch das Netz sozialer Beziehungen geführt, aus dem die bürgerlichen Gesellschaften Englands und Deutschland gewoben wurden: Wettzirkel, Pferdehandel, Heiratsmärkte - das ist die Perspektive der sportlichen Geselligkeit. Sozialer Aufstieg und Abstieg, feine Unterschiede, Satisfaktion und Disqualifikation - so verbindet sich der moderne Sport mit dem System sozialer Ungleichheit. "Kampf" fürs Vaterland, Subventionen der öffentlichen Hand und "Wir-Gefühle" bei Olympia - diese Aspekte führen in die Gesellschaft als Nationalstaat. Christiane Eisenbergs Gesellschaftsgeschichte des Sports ist zugleich die Geschichte eines Kulturtransfers und des dadurch angestoßenen sozialen Wandels: - In einem ersten Untersuchungsschritt werden die "English sports" des 18. Jahrhunderts als Betandteil der Vergnügungskultur aristokratischer Gentlemen identifiziert, und es wird nachgezeichnet, wie die aufstrebende bürgerliche "middle class" des 19. Jahrhunderts diese Kultur für ihre Zwecke umformte. In diesem Rahmen wird die Erfindung des modernen Sports als Begleiterscheinung des englischen Sonderwegs in die Moderne interpretiert. - In einem zweiten Untersuchungsschritt wird gezeigt, wie die verbürgerlichten "English sports" um 1900 in Deutschland bekannt wurden und zu welchen Mißverständnissen, Neuakzentuierungen und Konflikten - insbesondere mit der Turnbewegung - die Rezeption durch das deutsche Bürgertum führte. In der facettenreichen Analyse dieser Auseinandersetzungen wird nachvollziehbar, daß der moderne Sport in Deutschland die traditionelle bürgerliche Kultur nicht nur befruchtete, sondern sie auch entwertete. Deshalb, so ein zentrales Ergebnis der Untersuchung, wurde der Sport in Deutschland - anders als in England - zum Gegenstand bürgerlicher Politik und ein außerordentlich dynamischer Faktor gesellschaftlichen Wandels. Die Darstellung ist konsequent aus einer kultur- und gesellschaftsgeschichtlichen Perspektive geschrieben. Dies führt zu Betrachtungsweisen, die quer zum "mainstream" der Forschung liegen.
Über den Autor
Christiane Eisenberg, geb. 1956, ist Historikerin und lehrt als Professorin am Großbritannien-Zentrum der Humboldt-Universität zu Berlin.