Tracy gehört zum "Prekariat", wie man seit einiger Zeit das Heer derjenigen nennt, die wegen ihrer Herkunft, mangelnder Bildung und der daraus resultierenden Chanceneingeschränktheit von ihrer unattraktiven Arbeit nicht richtig leben können. Aber die junge Frau ist nur über Geld definiert arm, denn als Träumerin hat sie ein buntes Innenleben mit viel Licht, Farben und Wärme. Außerdem ist sie jung, schön, intelligent und selbstbewusst, und, wenn sie will, sehr zielstrebig. Bei dieser Kombination kann alles passieren, selbst das Unwahrscheinlichste, und genau das tritt ein. Diese Eigenschaften führen sie pfeilgerade in den "Persischen Garten", ein vegetarisches Lokal, dessen Inhaber Saaman Sahar ist. Sein Leben wurde sehr vom Fleisch beeinflusst, allerdings nicht vom weiblichen, was man, bevor man seine Geschichte kennt, kaum glauben kann, sondern von dem, das aus Schlachtereien kommt. Aber das ist eine andere Geschichte, aus einer anderen Zeit und aus einem Land, das so nicht mehr existiert. Das Mädchen steht also vor dem Mann, der vor langer Zeit aus Persien nach England kam und die hier herrschende westliche Kultur verehrt, ohne seine jemals verraten zu haben. Er ist ein guter Geschäftsmann, schon immer gewesen, hat gute Manieren, schütteres Haar, ist um die fünfzig und das, was man mit untersetzt umschreibt. Und, was allein schon an ein Wunder grenzt, er ist weder abgeklärt und übersättigt, noch zynisch oder arrogant. Nein, er ist rundherum liebenswert. Die beiden Londoner sehen sich an und erkennen sofort, dass nicht nur das Alter sie trennt, sondern auch der tiefe Graben vollkommen verschiedener Welten. Aber Tracy ist hartnäckig und lernfähig und Saaman Sahmar tolerant. Es dauert nicht lange, bis sie zur perfekten Angestellten des "Persischen Gartens" wird. Dass "Sam" der liebenswürdigste, großzügigste und höflichste Mensch ist, der ihr je begegnet ist, wird ihr schnell klar. Eine Liebesgeschichte entwickelt sich, denn Tag und Nacht bedingen sich. Tracy ist nur zu gerne bereit, ihren grabsteinbehauenden Freund, einen kleinen Loser, sausen zu lassen. Er hätte sie ohnehin endgültig auf den morastigen Bodensatz der englischen Gesellschaft gezogen, wenn sie es erlaubt hätte. Tracy dachte daran aber nie ernsthaft und wendet sich mit ganzen Herzen den vermögenden Saaman Sahar zu. Was sich noch rächen wird. Geld spielt für Tracy keine Rolle und ich glaube ihr das. Sie ist begeistert davon, dass ihr Märchen aus 1001 Nacht Realität geworden ist. Es ist ihr sehr ernst, sie will diesen Mann heiraten und stellt ihn ihren Eltern vor, die in einem heruntergekommenen Wohnblock in einem hoffnungslosen Vorort von London leben, in deren Wohnung sie eine kleine Festung besitzt. Dieser Wohnblock droht jeden Moment einzustürzen, was Monica und Eric Pringle im 23. Stock (der Aufzug, dieser verdammte Kasten, funktioniert oft nicht) nicht so sehr empört, wie die bevorstehende Hochzeit ihres einzigen Kindes mit einem Mann, der bereits 2 Ehefrauen hat. Tracy soll die dritte, und wie ihr künftiger Mann erklärt, bestimmt die letzte Angetraute sein. Mehr wollen die Eltern gar nicht hören, es reicht, vielen Dank und Auf Nimmerwiedersehen. Zum Teufel soll er sich scheren oder dahin, wo er herkommt, was vielleicht dasselbe ist. Es kommt fast zum Bruch mit Tracy. Aber, wie erwachsene Töchter nun einmal sind, sie machen einfach was sie wollen und hoffen, dass es die Eltern schon nicht umbringen wird.
Tracy ist glücklich verheiratet und diese Vielweiberei ruft die englischen Behörden auf den Plan. Diese glückliche Familie, die so offensichtlich wohlhabend ist, deren Frauen alle so wunderschön sind und miteinander harmonieren, soll dieser schmierige Araber, oder was er sonst ist, verdient haben? Diesen prächtigen Harem? Nein! Niemals! Der Neid der Beamten wird mit der vermeintlichen Sorge um die Kinder bemäntelt, die in so unmoralischen Verhältnissen aufwachsen müssen. Die Kinder müssen da weg, sagen die Zuständigen und verkneifen sich ihr heuchlerisches Haifischgrinsen nicht ganz. Von da an wird es turbulent. Erst sind die Kinder weg, dann Tracy. Die Ehe ihrer Eltern, in der es nur zwei Personen gibt, steht auf der Kippe. Der verschmähte Liebhaber tritt einmal zuviel auf und der arme Sam muss die ganze Suppe auslöffeln, leider bis zur Neige. Am Ende scheint er ein anderer geworden zu sein, aber das kann er nicht mehr ausleben. Zurück bleiben drei wunderschöne trauernde Ehefrauen, die ihr Glück nicht fassen können, als ihnen ein Besucher ein moralisches Angebot macht, dass sich vermutlich sehr unmoralisch entwickeln wird - nach westlicher Behördeneinschätzung, versteht sich.
Anthony McCarten hat mit "Englischer Harem" das Kunststück vollbracht, eine ernsthafte Liebesgeschichte ohne und mit Happyend kräftig mit Slapstick-Szenen und Satire zu würzen, kräftig umzurühren und das Ganze auf fast 600 Seiten als gelungene Gesellschaftskomödie zu präsentieren. Dieses humorvolle Buch beschämt und belehrt und warnt uns vor dem äußeren Schein, ohne jemals den Zeigefinger zu erheben. Eine Moll-Geschichte in Dur - Unterhaltung pur.
Helga Kurz