Ein Jahr nach "Please please me", dem Debüt der Beatles, veröffentlichten die Rolling Stones im April '64 endlich ihr eigenes, selbstbetiteltes Erstlingsalbum - wobei ihr Manager Andrew Loog Oldham die nie da gewesene Kühnheit durchsetzte, den Bandnamen vom Cover wegzulassen. Beide Alben wurden beinahe live, ohne viele Overdubs, aufgenommen, und wie "Please please me" gab auch "The Rolling Stones" größtenteils ihr aktuelles Bühnenprogramm wider; anders als die Beatlesalben erschienen die frühen Stones allerdings nur in Mono, und anders als die Beatles konnten sie vorerst nur mit einer wirklichen Eigenkomposition aufwarten, der eingängigen Beatballade Tell me (You're coming back), die in den USA als Single-Edit (2:36) erschien (ohne das Solo; nur auf diesem Album ist die ungekürzte Albumversion (4:04) zu finden); das Talent des Komponistenduos Jagger/Richards kam deutlich langsamer zum Erblühen als das ihrer Konkurrenten Lennon/McCartney, von denen sie sich sogar ihre zweite Single I wanna be your Man hatten schreiben lassen.
Zwei Aspekte charakterisieren dieses Album: zum einen die stürmische Begeisterung der Rolling Stones für den Blues, Rhythm & Blues und den Rock'n'Roll ihrer schwarzen Idole, die sie hier ausgiebig coverten: Muddy Waters (dessen I just want to make Love to you sie erheblich beschleunigten), Keiths Idol Chuck Berry (dessen Carol und Version von Route 66 sie übernahmen), das übermütige Walking the Dog von Rufus Thomas oder Jimmy Reeds Honest I do. Gene Allisons You can make it if you try eröffnete die Reihe von Soul-Covers in 6/8, die auf den Folgealben fortgesetzt werden sollte. Now I've got a Witness, der einzige Albumfüller, ist einfach eine Instrumentalversion von Marvin Gayes Can I get a Witness, die es den Stones erlaubte, unter dem Pseudonym Phelge Gruppentantiemen einzustreichen, was bei Little by little origineller klappte (wobei auch dies deutlich von Jimmy Reeds Shame, Shame, Shame "inspiriert" worden sein soll).
Zum anderen strahlt das Album (eine weitere Parallele zu "Please please me") eine bis heute anhaltende Frische und vor allem ein überraschendes Selbstbewusstsein dieser gerade mal zwanzigjährigen Blues-Enthusiasten aus - ein super Einstieg! Auf dem (originellerweise "The Rolling Stones No. 2" betitelten) UK-Nachfolger fehlten diese Frische und Originalität der Songauswahl bereits wieder.
Im Mai '64 erschien das Album dann auf dem US-Markt, wobei man nicht auf den Bandnamen auf dem Cover verzichtete und als Zugpferd die Hitsingle Not fade away an den Anfang stellte und sich dafür von Mona (I need you Baby) trennte, um es auf dem nächsten Album unterzubringen, vermutlich, weil es wie Not fade away im typischen Bo Diddley-Rhythmus gehalten war.
Schade, dass ABKCO sich 2002 bei den frühen Stones-Remasters (bis zu "Out of our Heads") nicht dazu durchringen konnte, wenigstens die US- UND die UK-Versionen rauszubringen bzw. in diesem Falle nur die von den Stones selbst autorisierte UK-Version; die US-Ausgabe ist überflüssig, da Not fade away ja auf zahllosen Samplern erschienen ist. Der unseligen, die UK-Alben zerpflückenden US-Veröffentlichungspolitik der 60er ist es so zu verdanken, dass man bis heute viel Geld ausgeben und viele Songs mehrfach erwerben muss, um an alle verstreuten Stones-Songs ranzukommen.
Bei einer Spielzeit von lediglich gut 31 Minuten habe ich mir erlaubt, fürs Auto folgende Single- und EP-Tracks aus der Zeit '63/'64 hinzuzufügen:
Come on/I want to be loved; I wanna be your Man/Stoned; Poison Ivy (1st Version)/Fortune Teller; EP "The Rolling Stones": Bye bye Johnny/Money/You better move on/Poison Ivy (2nd Version); Surprise Surprise; Look what you've done; It's all over now/Good Times, bad Times; EP "Five by Five": If you need me/Empty Heart/2120 South Michigan Avenue/Confessin' the Blues/Around and around.
Vol. 2 der von mir vorzuschlagenden Deluxe-Edition würde noch die Outtakes Da doo ron ron, Memphis Tennessee, Don't lie to me, Tell me Baby (How many more Times), Meet me in the Bottom, High-Heeled Sneakers sowie die offiziell erhältlichen Stereomixe von Look what you've done, It's all over now sowie der EP "Five by Five" (s.o.) enthalten.
Auf diese Weise habe ich mir den gesamten Frühkatalog der Rolling Stones auf vier CDs zusammengefasst. Na, grABKCO, wäre das nicht mal eine Idee?