Neue Heimat Themenpark
Julian Barnes' Satire «England, England»
Von Jörg Häntzschel
Die Disneyworld-Assoziation ist längst ein kulturkritischer Allgemeinplatz geworden, wenn immer es um die Fixierung und Konservierung von Vergangenheit in einer fiktiven Idealform geht, um Puppenstubendörfer oder überrenovierte Altstadtgassen. Damit sind ästhetische Fragen angesprochen, aber auch solche nach dem historischen und kulturellen Selbstverständnis einer Gesellschaft. Nirgends liegt dieser Vergleich so nahe wie in Grossbritannien, das sich Tony Blairs Fortschrittspädagogik zum Trotz so obsessiv auf seine Vergangenheit bezieht, dass die Gegenwart oft nur auf einem Nebenschauplatz stattzufinden scheint, als unpopuläres, glanzloses Beiprogramm zu einer immer wieder wie neu aufgeführten Geschichte. Julian Barnes spekuliert in seinem neuen Roman «England, England», was geschähe, nähme man den Vergleich einfach wörtlich. Käme nicht, lässt er den Medienzar Sir Jack Pitman sein Beraterteam fragen, ein komprimiertes, von allen Spuren der Gegenwart bereinigtes England dem Ideal von Einheimischen wie Touristen weit näher als das Original? Ein best-of-England, bevölkert von den beliebtesten Stars der englischen Geschichte, zudem «bequemer, sauberer, freundlicher und effektiver»? Die Berater sind begeistert, der Pitmansche Haus-Baudrillard gibt seinen Segen er weiss: wir ziehen das Replikat dem Original vor , und dem Projekt «England, England» steht nichts mehr im Wege.
«The past is a distant, receding coastline», sinniert Geoffrey Braithwaite, der Protagonist in Barnes' Erfolgsroman «Flauberts Papagei», beim Überqueren des Ärmelkanals. Im neuen Roman, der kurz nach dem Tod von Queen Elizabeth II spielt, haben Metaphern sich erübrigt. Die Küste der Vergangenheit ist nur noch die kurze Schiffspassage zur Isle of Wight entfernt, und sie wird dort für immer bleiben, das heisst, solange der Umsatz stimmt: Pitman, der die Insel umstandslos gekauft hat, lässt «England» dort anhand von Marktforschungserkenntnissen neu konfigurieren. Nur die grössten Klischees, nur «5-Sterne-Sehenswürdigkeiten» finden hier Platz: Big Ben und Parlament, Stonehenge und die weissen Klippen von Dover. Dazwischen verkehren Doppeldeckerbusse und schwarze Taxis. Harrod's verkauft Orangenmarmelade im Tower. Beefeater, Robin Hood, Dr. Johnson und die echte königliche Familie ein grosszügiger Spesenrahmen konnte sie zum Umzug bewegen sorgen mit ihren Auftritten für unvergessliche Erlebnisse der «Premium-Besucher». Keine Frage, dass der Erfolg dieses nicht nur touristischen, sondern auch sozialen und politischen Experiments «England England» benimmt sich als unabhängiger Staat alle Erwartungen übertrifft. «Old England» indes, dem der elegische dritte Teil des Romans gilt, vergisst, der glanzvollen Momente seiner Vergangenheit beraubt, paradoxerweise die Gegenwart und fällt in eine hybride Altertümlichkeit zurück, die Elemente aller historischen Zeiten vom Mittelalter bis zu den Neunzigern enthält. Sie ist echt insofern, als sie nicht bewusst konstruiert ist wie ihr Pendant «England, England», doch keinen Deut authentischer.
Erst mit diesem dritten Teil und der Beschreibung des auf das Niveau eines Entwicklungslands gesunkenen, aber eben nicht entfremdeten «Old England» gewinnt Barnes' Satire Tiefe und Originalität. Die im Hauptteil breit ausgewalzte Themenpark-Idee hingegen will nicht recht zünden. Wie so oft ist die Realsatire schon weiter: London Bridge überspannt heute nicht nur die Themse, sondern auch den Lake Havasu in Arizona. In Las Vegas steht bereits ein falscher Eiffelturm. Und Rupert Murdoch, offenkundiges Vorbild für Sir Jack Pitman, wollte den Fussballverein Manchester United letztes Jahr tatsächlich kaufen bei Barnes noch eine groteske Zukunftsvision. Unter seinem Niveau bleibt Barnes auch mit seinen Rückgriffen auf das stereotype Personal von Fernseh-Comedy: den schwulen Schwätzer, den Geschäftsmann mit perversem Doppelleben oder die schamlosen royals.
Als «toughe Frau» könnte man auch die Protagonistin Martha Cochrane, Pitmans «bestallte Zynikerin», in diese Liste aufnehmen. Um so spannender ist daher, wie Barnes anhand dreier Abschnitte ihres Lebens, die er mehr oder weniger glücklich mit dem Themenpark-Komplex parallelführt, die dort so plakativ durchgespielten Themen Erinnerung und Identität in weitaus subtilerer Form behandelt. Leitmotivisch, oft versteckt in winzige Details, verfolgen Martha diese Fragen als ontologische Konstanten, nicht gemäss dem gängigen Muster in Form dramatischer Krisen, denen dann die glückliche Selbstfindung oder eine finale Katastrophe folgt. Wir lernen Martha als eigenwilliges Kind kennen, als eiskalte Usurpatorin von Pitmans Macht (sie trägt sogar Züge von Margaret Thatcher) und schliesslich in der «Verbannung» im schlammigen Old England als melancholische alte Jungfer, die den Kranken Nesselsuppe bringt. So unglaubwürdig diese drei widersprüchlichen Inkarnationen sie auch machen, als intellektuelles Spiel mit der Frage nach der Identität bietet dieser Aspekt des Romans weit mehr als die lustlose Gesellschaftssatire. Obwohl diese vier Fünftel des Umfangs einnimmt, wirkt sie wie ein Fremdkörper zwischen den intimen und subtil humorvollen Anfang- und Schlussteilen. Und sie beansprucht soviel Aufmerksamkeit, dass Barnes' eigentliches wenn auch wenig aussichtsreiches Anliegen über weite Strecken in Vergessenheit gerät: der Versuch, die Konstruktion einer nationalen Identität der einer individuellen gegenüberzustellen und schlüssige Parallelen zwischen beiden zu finden. So fährt sich Barnes denn schliesslich in einem Dickicht aus Ernst und Ironie, postmodernen Identitätskonzepten, ihrer Ablehnung und Rehabilitierung fest, bevor klar würde, wohin er damit eigentlich wollte. Darüber hinaus durchsäuert ein nie ausgesprochenes moralisches Argument Martha Cochrane scheint in ihrem dritten Leben für Kühnheit und Exzesse in den ersten beiden zu büssen den Roman. Man wird den Eindruck nicht los, Barnes halte ein ähnlich trübseliges Schicksal auch für den Rest der Menschheit für angemessen.