Allein die Entstehungsgeschichte dieses Filmes... Jean Simmons wollte sich nicht von Produzent Howard Hughes auf die Besetzungscouch legen lassen, Hughes wollte aber einen Film mit ihr gedreht wissen - bei einer Vertragslaufzeit von nur noch 18 Tagen. Der für Disziplin und Drill bekannte Regisseur Otto Preminger (kein Preuße, sondern ein österreichscher Jude) sollte dies leisten und hatte freie Hand, aus einem miesen Stoff in der Zeit zu machen, was er wollte. Dies ist ihm gelungen. Der Film schreit seine Noir-Ikonographie geradezu heraus, dies aber virtuos. Vieles sieht besser aus, als es heruntergebrochen auf das nackte Handlungsgerippe eigentlich wäre: Unsteter Mann mit großen Träumen (Mitchum) trifft Femme Fatale (Simmons) und verfällt ihr. Die Frau hat offensichtlich ein schweres psychisches Problem, auf das Generationen von Märchenerzählern auch schon gekommen waren: Affenliebe zum Vater, Eifersucht auf die Stiefmutter. Sie steigert sich so sehr hinein, dass alles nur in den beiden Themen enden kann, die das Große Ganze jeglicher erzählenden Kunstform sind: Liebe (hier amour fou) und Tod.
Nun denn... Gelegentlich hat man den Eindruck, die Eile der Herstellung zu spüren, denn thematisch und stilistisch finden sich genauso viele Versatzstücke aus Premingers früheren films noirs wie Blaupausen für Dinge, die er später ins Zentrum einzelner Filme rückte.
Einerseits geht es mit Vollgas rückwärts in den Abgründe des psychologischen films noirs der Vierziger: Da zeigt Preminger beispielsweise - sehr virtuos - minutenlang das kontemplative faszinierte Leiden der Protagonistin. Umgeben von vielen symbolischen Licht- und Schattenformen (z.B. an Gefängnisgitter erinnernd) streift sie durch ein großes Haus, auf der Suche nach der verloren geglaubten Liebe. Sie berührt die Kleidung des Mannes, hüllt sich schließlich in sie ein, kann ohne ihn nicht mehr sein. Wer dächte da nicht an die beinahe nekrophile Faszination, mit der Dana Andrews in
Laura (Cinema Premium Edition, 2 DVDs) der Aura der tot geglaubten Titelfigur nachspürt.
Umgekehrt verweist das Eifersuchtsmotiv einer Müßiggängerin, die zwecks Müßiggang mit dem Vater gegen dessen Partnerin intrigiert, auf Premingers späteren
Bonjour Tristesse (wobei sich ganz nebenbei zeigt, wie simpel gestrickt und überschätzt dieser Lieblingsfilm der Nouvelle Vague ist).
Wenn "Engelsgesicht" in der zweiten Hälfte zum courtroom drama mit sehr zynischem Statement über Prozesstaktik wird, ist Beinahejurist Preminger zwar in seinem Element. Aber man denkt auch an seinen noch ausgefeilteren
Anatomie eines Mordes, der sich in höchster Vollendung diesem Thema ganz und gar gewidmet hat.
Somit also von allem etwas, ein bißchen patchwork-artig, aber trotz leiser Kritik daran von oft ausgefeilter Machart. Jean Simmons hat den Rollennamen "Diane", Göttin der (Männer-)Jagd (im Deutschen unerklärlicher Weise "Gina", nicht einmal "Dschina" ausgesprochen). Ihre Kostüme sind genauso schnittig wir ihr Wagen, aber auch einmal streng, mit weißem senkrechtem Kragenaufsatz fast klösterlich. Sie ist eben nicht grundverdorben, sondern krank und möchte durchaus eine persönliche Beichte ablegen. Und ihr Spiel ist faszinierend, vor allem in diesem oft leicht geöffneten, eine Mischung aus (gespielter?) Unschuld und Herausforderung andeutenden Mund. Hinzu kommen ungeheuer ausdrucksstarke Augen, die Preminger einmal (hier nur scheinbar eine filmische Sünde) direkt in die Kamera blicken lässt. Da sitzt Diane tief versunken am Klavier, und die Großaufnahme ist mindestens so beunruhigend wie schön. Die Augen sind groß, aber leer, Diane ist mit ihren Gedanken in einer anderen Welt, und es ist beunruhigend, ihr dahin nicht folgen zu können. Doch ihr Entrücktes hat immer auch das bedrohliche Moment. Wenn wir hier schon bei Mythos und Märchen sind, dann ist Diane nicht nur Göttin, sondern auch Hexe. Ihr Besenstiel ist ihr Sportwagen, wie sie selbst einmal sagt. Dieses Teufelswerkzeug verhext Ex-Rennfahrer Mitchum genauso wie die Kurven der Simmons. Wie von Zauberhand gelenkt steuern seine Schritte ohne bewusste oder abrupte Richtungsänderung auf Diane zu, als er sie zum ersten Mal bemerkt. Wenn sie später zu ihm aufs Zimmer kommt, tritt ihr Schatten als erstes ins Bild, Bedrohung und süßes Geheimnis der Verlockung ankündigend. In solchen Momenten ist Preminger trotz einer geiwssen Holprigkeit ganz bei der Sache, und es gibt derer zum Glück viele.
Fazit: Wenn man sich besonders viel Mühe gibt, lässt sich dieser Film ohne weiteres kaputtreden. Aber er hat dermaßen viele glänzende Momente, dass man einfach keine Lust hat, diese Mühen aufzuwenden.
Am Schluss ein paar Worte zur Ausstattung: Die Bildqualität ist gut, die Tonqualität altersangemessen gut. Es liegt eine ältere deutsche Synchronisation vor, die die oben erwähnte Seltsamkeit aufweist. Bei früheren deutschen Aufführungen wurden einige Szenen herausgekürzt, die nun in Englisch mit Untertiteln vorliegen. Obwohl man dadurch die volle Blödsinnigkeit der Namensänderung Dianes im Deutschen mitbekommt, ist mir dies allemal lieber als ab und an völlig andere deutsche Stimmen einer Neusynchronisation. Man kann den Film auch ganz im Originalton mit oder ohne Untertitel sehen. Als herausragendes Extra gibt es eine Analyse des Filmes anhand einzelner Szenen von Tag Gallagher. Dies ist interessant, informativ und wertvoller als der oftmals mühselige Versuch, die gesamte Laufzeit mit einem Audiokommentar aufzufüllen. Derartig hervorragendes Bonusmaterial findet man selten, persönlich kenne ich es noch von
Brief einer Unbekannten - Arthaus Collection Literatur (ebenfalls Tag Gallagher) und
Verfolgt (Winfried Günther). Insgesamt ist die "Engelsgesicht"-DVD somit sehr zu empfehlen!