JULIA KRÖHN - Engelsblut
"Österreich im 19. Jahrhundert: Schon seine Kinderzeichnungen versetzten die Menschen in Schrecken und Zorn. Konnte er doch die absolute, ungeschminkte Wahrheit über denjenigen zeigen, den er porträtierte. Als Bastard geboren, ohne Liebe und Zuwendung aufgezogen, wird aus dem feinsinnigen Samuel Alt schließlich ein verschrobener Kauz, der sich fleischlicher Lust und Liebe verweigert, um sich ganz der Malerei zu widmen. Aber seine Bilder sind nicht perfekt. Bis er herausfindet, dass er mit dem Blut Lebender wunderbare Engel malen kann ..."
Man möge mir meinen kleinen Titel-Exkurs zum fliegenden Klassenzimmer verzeihen. ;o) Kommen wir zum Roman.
Wo fang ich an?
1. Julia Kröhn kann schreiben. Und zwar richtig gut. Natürlich ist so etwas bis zu einem gewissen Grad subjektiv. Und wenn ich sage " bis zu einem gewissen Grad", dann meine ich, dass abseits des Handwerklichen (das diese Frau zweifellos beherrscht) noch eine andere, eine künstlerische Ebene von Interesse ist. Und in diesem Terrain ist Julia Kröhns Stil genau mein Ding. Gefällt mir sehr.
2. Ich komme nicht umhin es zu erwähnen: Auch mich hat der Roman mitunter an das "Parfüm", und des Weiteren an die "Blechtrommel" erinnert. ABER: Keineswegs im negativen Sinn! Julia Kröhn hat hier ein völlig eigenständiges Werk kreiert.
3. Die Story: Etwas "Anderes", "Abgefahrenes", in einem historischen Kontext. Die Bilder, die hier geschaffen werden, wiegen lange nach. Landschaftsbeschreibungen, Metaphern, der Zwist in und unter den Personen, die Atmosphäre auf den Schlössern - insgesamt eine Arbeit, die sehr eigen ist, die eine gelungene, bemerkenswerte Note besitzt.
4. Negativ: Einige Charaktere und ihr Verhalten sind bisweilen etwas überzeichnet. Ihre einzelnen Macken kommen manchmal in den unsinnigsten Momenten zum Vorschein, und wirken deshalb überzogen und schlicht fehl am Platz.
Fazit I: Wenn man ein einzigartiges Buch im historischen Kontext mag (und mit dem Schreibstil klarkommt) ist man hier sehr gut aufgehoben. Ich jedenfalls mag Julia Kröhns Art zu schreiben. Sie hebt sich wohltuend von dem Einheitsbrei ab, der gerade in diesem Genre oft geboten wird. Denn sind wir doch mal ehrlich: Die tausendste Wander-Hebamme, die mit der Tochter eines Medicus zur verhexten Magd durchbrennt, um einen mittelalterlichen Beruf zu erlernen, braucht kein Mensch mehr. Das ist so ausgelutscht wie Bücher über alkoholkranke Kommissare, die mit hübschen Profilerinnen den achttausendsten Serienmörder jagen, und Romane mit Titeln wie "Die Langsamkeit des Pelikans", oder "Feuchtkills Mösenexemplar-Betrachtungen"
Fazit II: Dem geneigten Leser auf jeden Fall zu empfehlen.