Vorhölle
Kommissar Velsmann ist eine literarische Figur. Er ist eine reflektierte,
manchmal über-reflektierte Persönlichkeit, das heißt aber, er gehört in zweifacher Hinsicht zu einer vom Aussterben bedrohten Spezies. Als Mensch wird Velsmann konfrontiert mit den Unbilden des Privatlebens, mit den Unwägbarkeiten der Beziehung zu seiner von ihm getrennt lebenden Frau, folglich zuzeiten mit der Liebe. Als Polizist wird Velsmann konfrontiert mit den Unbilden der Gesellschaft, mit den Unwägbarkeiten der Beziehungen der Männer zu den Ihnen käuflichen Frauen, folglich vorwiegend mit dem Tod.
Berndt Schulz schreibt Kriminalromane, die so beklemmend wahrhaftige Bestandsaufnahmen einer dem Untergang entgegendelirierenden Gesellschaft
sind, daß es ein Verbrechen ist, sie nicht zu lesen. Selten ist es einem Autor gelungen, die Vereinzelung des heutigen Menschen als Massenphänomen so greifbar zu machen. Die Verlorenheit einer jungen Frau aus Osteuropa, die von Schleppern in einem Reisebus nach Deutschland gebracht wird, um dort einer Arbeit nachzugehen, die sie verabscheuen muß, ist dieselbe, die der Kommissar empfindet, wenn er, von Frau und Kindern verlassen, seinen flaschengrünen Scorpio an einen Tatort steuert, um dort ein gleiches zu tun.
Gesetzt in die Götterdämmerungsstimmung des Vorhöllensommers 2003, erzählt dieser Kriminalroman die Geschichte unserer Zeit, aber der von Spannung und Betroffenheit gleichermaßen erfaßte Leser fürchtet im Gegensatz zum Wagnerschen Wotan nur das eine: Das Ende.