Jophaniel, Hachamel, Nith-Haiah und Ilmuth sind Engel. Engel ohne Flügel. Ihre Mission ist es, auserwählten Menschen, die in Kürze sterben werden, noch etwas Gutes zukommen zu lassen. Gestern noch in China, heute Abend im Libanon.
Diesmal versammeln sie sich auf eine Prager Brücke, auf der 12 Stunden später der Fahrlehrer Karel sterben wird. Und dann wäre da auch noch der Herr Zdenek, ein Selbstmörder. Eigentlich sind die Engel in diesen Fällen ja nicht zuständig, aber seiner Mutter zuliebe wollen sie eine Ausnahme machen. Sie verteilen die Aufgaben und los geht es. Parallel dazu wird Ester vorgestellt, eine frischgebackene Witwe. Über Rückblicke erfährt man mehr aus ihrem Leben, wie sie ihren verstorbenen Mann kennengelernt hat, auch wie er gestorben ist.
Zentrales Thema dieses Buches ist das menschliche Verhalten. Das Verhalten von Esther, die ihren Mann hingebungsvoll bis zum letzten Atemzug gepflegt hat. Marie, die eine formale Dankbarkeit gegenüber ihrem Mann fühlt, ihn im Grunde ihres Herzens aber verachtet. Karel, der sich über den Anruf seines Sohnes freut. Filip, dem der Vater egal ist, und der den abendlichen Besuch absagt. Und vieles mehr. Menschliches Leid und menschliche Freuden, beobachtet durch die Augen der Engel, die es kommentieren, und versuchen herauszufinden, wie sie den Todeskandidaten und deren Angehörigen helfen können. Wie sie ein klein bisschen Freude in den letzten Stunden vermitteln können.
Nach und nach entdeckt der Leser die zahlreichen Verbindungen zwischen den einzelnen Menschen in diesem Buch. Ein kleines Beispiel: Auf S. 33 wird nebenbei erwähnt, dass Zdenek es vor dem Mittagessen noch ins Fitnessstudio schafft. Auf S. 21 hat der Leser erfahren, dass er von seiner Mutter Scott gerufen wird, und auf S. 62 begrüßt Ester im Fitnessstudio einen Scott, der das Laufband neben ihr nutzt. Merken Sie worauf ich hinaus will? Ein Buch, für das man sich Zeit nehmen sollte, sonst verpasst man womöglich die eine Zeile, die einem einen Hinweis auf ein späteres Geschehen gibt. Nicht jede Begegnung ist so versteckt, es sind auch offensichtlichere Zusammenhänge vorhanden.
Ehrlich gesagt, es hat etwas gedauert bis ich mich mit diesem Buch angefreundet habe. Das lag am Aufbau der Kapitel. Jedes davon ist einem der Engel oder Ester zugeordnet, erkennbar am Namen neben der Kapitelnummer. Der Schreibstil der einzelnen Kapitel weicht leicht voneinander ab. Jophaniel zum Beispiel, der Zyniker, nutzt gerne den Ausruf: Ha! Oder Ha ha! Ilmuth hingegen ist auf ihrer ersten Mission. Sie seufzt hin und wieder, wenn sie unglücklich ist. Zweifelt am Sinn. Über alles betrachtet ist es ein sehr nüchterner Schreibstil. Kein romantisch verklärtes, esoterisches Engelbuch.
Dass Ester den Engeln in den Überschriften gleichgestellt ist, mag auf den ersten Blick verwundern. Aber so nach und nach kommt der Leser hinter ihr Geheimnis. Offensichtlich wird es, als Ester zwei Nonnen zum Mittagessen einlädt, und das Gespräch auf ein Buch des Dalai Lama kommt:
Der Weg zum sinnvollen Leben. Das Buch vom Leben und Sterben. Dass materielle Güter beim Sterben nicht helfen, diese Aussage kann sie unterstreichen, nicht jedoch die Behauptung, dass eine Hilfe durch unsere Nächsten, d.h. auch die Ehefrau, nicht möglich ist. Ester zeigt durch ihre Taten, dass dies nicht stimmt. Hilfe ist m ö g l i c h. Sie hat nicht gezögert und sie hat ihre Entscheidung auch nicht angezweifelt. Intuitiv hat Ester das Richtige getan, auch wenn ihre eigenen Eltern dagegen waren, und Ester sie aus Prinzip und Stolz nicht einmal um Unterstützung bitten konnte. Ist die Ähnlichkeit mit dem Namen der biblischen Esther Zufall? Ich glaube nicht. Ein Mensch, dessen Handeln Mut macht und Hoffnung verspricht. Dass sie sich ähnlich wie die richtigen Engel Fragen nach dem Sinn des Ganzen stellt und die Existenz Gottes anzweifelt, ist kein Widerspruch. Meine Bitte: Achten Sie auf Ester.
Alles in Allem ist es ein Buch, das ich sehr gerne weiterempfehle. Mich haben die zwischenmenschlichen Beziehungen nachdenklich gestimmt. Bei all dem menschlichen Leid, ist es aber vor allem ein Buch, das Hoffnung vermittelt. Ich bin gespannt wie Sie es empfinden.