Mrs Beauman kann einfach Geschichten erzählen, und sie sind immer wieder gut. Das 1990 erschiendene Engel aus Stein (engl. Dark Angel) hat nicht von seiner Fazination verloren. Im Gegenteil. Da LeserInnen sensibilisiert sind auf Themen wie Kindesmissbrauch, liest sich das Buch heute im 21. Jahrhundert anders, aufgeklärter irgendwie.
Der Lebensweg der beschädigten, faszinierenden, mitleid- aber auch furchterregenden Constance Shawcross zieht einen in den Bann. Doch nicht ihrer allein. In dem reichen Personalbestand des Romans wimmelt es nur so von kantigen Charakteren, über die man alle Bescheid wissen möchte. Dabei wird man durch die verschachtelte Erzählweise; Tagebücher, Ich-Erzählung, auktoriale Erzählweise, nur scheinbar abgelenkt, in Wirklichkeit steuert man die vielen erzählten Jahre und Jahrzehnte auf die Lösung zu. Constance ist "nur" der Katalysator, sie bleibt immer die selbe nicht zu fassende Frau, das ungeliebte Kind, dem Undenkbares widerfahren ist und die selbst Unausprechliches getan hat. Die anderen, ihr Patenkind Viktoria, ihre "Stiefbrüder" werden durch ihre Existenz verändert. Dass allein Viktoria aus diesem Prozess heil herauskommt, muss man über die fast 850 Seiten des Romans selbst "erlesen". Ein Gesellschaftsroman, eine Mord- aber auch eine Liebesgeschichte, ein Thriller: das sind drei Bücher in einem!!!!
Psychologisch, aber auch unter formalen Aspekten ein wirkliches Kunstwerk, das der kitschigen Aufmachung des Verlags nicht entspricht.