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Einar Már Gudmundssons Roman «Engel des Universums»
Von Andrea Köhler
Engel sind, spätestens seit Wim Wenders den Himmel über Berlin mit Bruno Ganz und anderen Götterboten bevölkerte, aus unseren himmelwärts zielenden Kommunikationssystemen nicht mehr wegzudenken; nicht selten schrammt die Renaissance der geflügelten Wesen in Buch und Film dabei freilich haarscharf am Kitsch vorbei. Wir lieben sie, unsre gefiederten oder gefallenen Halbbrüder, auch deshalb, weil sie das Triviale und das Mystische so innig amalgamieren und dem Wunsch nach Geborgenheit auf der Schwelle ins Nichts Trost und Gestalt anbieten. Halb Mensch und halb Gott, halb Vogel, halb Sphärengeburt, ist der Engel der träumende Schatten unserer irdischen Existenz, und noch in jeder Kindheit hat ein guter Geist den Schlaf und den Augenblick vor dem bösen Erwachen beschützt.
«Ich habe unter dem Vollmond gelebt, bin über Himmelsgewölbe gereist und durch den Abgrund», sagt Einar Már Gudmundssons «Engel des Universums». Der Mann hat eine lyrische Ader, er ist irre und er ist tot. Aber er spricht, er redet in hochpoetischen Bildern. Ein Toter, der redet, wie Engel und Narren reden und Shakespeare geschrieben hat. «Leben ist nur ein wandelnd Schattenbild», sagt er, «ein Märchen ist's, erzählt von einem Blöden, voller Klang und Wut, das nichts bedeutet.» Er sagt: «Ich verstehe die Wirklichkeit ebensowenig wie sie mich.»
Der isländische Autor Einar Már Gudmundsson erzählt eine Geschichte von jenseits des Grabes und aus dem Innern des Wahns. Es ist die Geschichte seines kranken Bruders und der Bericht aus einer spiegelverkehrten Welt. Hier herrschen die Gesetze der medikamentös verabreichten Schwerkraft, die Beleuchtung ist wie in Träumen, und die Gesichter sind still, mit Augen, «wie wenn Verstorbene im Traum erscheinen». Da ist die Welt ein winziges Schiffchen und Gott ein Vogeljunges in einem verlassenen Ruderhaus. So traurig ist alles, wie nur der Norden mit seinem ewigen «Mittwinterdunkel» sein kann, und zugleich ist das Buch voller komischer Episoden.
Gudmundssons Krankengeschichte ist nämlich auch ein Schelmenroman, gespickt mit Märchen- und Fabelmotiven und dem Witz einer höheren Kindervernunft. Und doch wird «die Kälte, die man Gesellschaft nennt», ganz anders sichtbar als in solchen abgedroschenen Formulierungen. Sie gefriert «in dem leeren Raum», der um den Kranken entsteht und den das Buch nicht ausfüllt, aber durchkreuzt. Der Abstand zwischen dem Boden der Normalität und dem «Hochhaus der Einsamkeit» ist die Fallhöhe, in der die Engel zu Hause sind.
Gudmundsson erzählt in der Ichform, er erzählt in chronologischen Sprüngen, die Lebensgeschichte umfasst die Spanne vor der Geburt bis nach dem Tod. Die Wahl dieser Perspektive ist kühn, genauer: sie stimmt hinten und vorne nicht. «The I in the book cannot die in the book», sagt Nabokov. Die Sprache der Toten müsste erst noch erfunden werden. Es müsste die Sprache der Engel sein.
So redet ein Toter, der zwischendurch wie ein Lebender und ein Blöder, der wie ein Normaler spricht: «Ich bin ganz mit Farbe verschmiert, grün und blau an den Fingern, aber nichtsdestoweniger davon überzeugt, dass ich die Reinkarnation Vincent van Goghs bin», sagt Pall, der Irre, als buchstabiere er seine eigene Krankenakte. Die Grenze zum Wahnsinn, scheint es, ist nicht überschreitbar, sowenig wie die zum Tod bei Gudmundsson zeigt sich das in der unüberbrückbaren Kluft zwischen dem Ich und seinem Erzähler. «Der Verrückte sagt, er sei schon begraben. Jeden Sonntag geht er auf den Friedhof und stellt sich Blumen aufs Grab.» Doch der Verrückte sagt nicht, dass er verrückt, und er sagt nicht, dass er die Reinkarnation Vincent van Goghs sei.
«Engel des Universums» ist ein seltsames Buch, ein Zwitter aus poetischem Wahnwitz und psychologischen Platitüden. Gudmundsson versucht das Unmögliche: in das Andere der Vernunft einzudringen und zugleich die Abwehr dagegen begreiflich zu machen. Die Perspektive kommt sich selbst ins Gehege als fürchte der Erzähler die Ansteckung. Darum stimmt am Ende nichts an dem Buch. Und doch hat einen etwas berührt und erreicht: die Zerreissprobe selbst.
Es gibt in dem Roman einen verrückten Maler, von dem es heisst, sein bedingungsloser Realismus bringe es mit sich, dass er die Fliege noch male, die ihn bei der Arbeit umschwirrt. Von solcher Genauigkeit, die ins Besessene kippt, ist das Buch in seinen lyrischen Bildern bestimmt. Es sind diese Bilder, die zeigen, wie nahe Wahn und Kunst beieinander wohnen. Auf der Schwelle wachen die Engel des Universums. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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Es ist die Sprache. Klar, einfach, karg fast wie die baumlose isländische Weite, legt sie einen stabilen Rahmen um das phantastische Erleben des Kindes und die auseinanderbrechende Welt des Erwachsenen, der einmal zu oft die Grenze überschreiten wird, den schmalen Spalt zwischen Traum und Wirklichkeit. Der Roman wertet nicht, er beschreibt. Wohl kommt der Sadismus einiger Psychiater und Psychiatriepfleger zur Sprache, aber auch die schwierigen Seiten der Kranken werden nicht idealisiert. Seine eigenen "Fehlleistungen" schildert der Ich-Erzähler mit wundersamer Selbstironie, vogelfrei in einem Niemandsland zwischen Komik und Tragik. Gudmundsson versucht nicht, was nie gelingt, nämlich durch lange Monologe die Welt des Psychotikers zu erhellen, er läßt uns die Personen sehen, Palmi und andere Insassen der Klinik, ihre Taten begleiten, ihre Gespräche belauschen. Wenn Palmi nach innen schaut, wird die Sprache poetisch, metaphorisch (wie es die Sprache von Psychotikern ja in der Tat oft ist), Einfühlung ermöglichend und dennoch das Fremde belassend.
Kein Pathos, keine Apelle, keine Botschaften- einfach nur ein gutes Buch. Ein sehr gutes. Eines von denen, die die Farben der Welt zum Leuchten bringen.
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