"Najem Wali hat aus der wechselhaften Vergangenheit des Iraks einen großen Roman geschaffen." Irene Binal, Neue Zürcher Zeitung, 19.04.11
"Ein bemerksenswerter, akuteller Roman, der viel über die Vergangenheit des Irak und die orientalische Kunst des Erzählens verrät." Neues Volksblatt, 12.05.11
"Eine ergreifende Lektüre über die Angst vor dem anderen." Sabine Berking, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.05.11
"Eine Liebeserklärung an den alten, den kosmopolitischen Irak, ein Manifest des antinationalen Widerstands." Andreas Fanizadeh, Die Tageszeitung, 04./05.06.11
"Was wissen wir über den Irak? Wer sich von Najem Wali in die Hand nehmen lässt und ‚Engel des Südens' liest, bekommt einen tiefen Einblick in die Geschichte dieses Landes." Norbert Mayer, Die Presse, 18.06.11
"Der Einblick in die komplexe irakisch (-panarabische) Geschichte, den der Roman vermittelt, zählt zu dessen großen Verdiensten." Astrid Kaminski, Frankfurter Rundschau, 09.07.11
"Najem Wali, König der Ellipsen, Meister der Fuge, ist ein großer Epiker, und es macht ihm offensichtlich Spaß, seine Leser zu verwirren. "Der Weg ist lang, um zur Geschichte zu gelangen", wiederholt der Großvater des Icherzählers nicht selten; sein Enkel hat sich diesen Leitsatz zu Herzen genommen - wahrlich zur Freude des Lesers." Peter Stephan Jungk, Die Welt, 09.07.11"Es ist ein besonderes Verdienst des im südirakischen Basra geborenen Najem Wali, das er auch die in weiten Teilen Europas noch immer unbekannte Religionsgemeinschaft der Traditionen und Rituale einmal näher vorstellt." Stephanie Rupp, Nürnberger Zeitung, 18.07.11
No man's land
Dreiundzwanzigster Entwurf
"Sehr geehrte Gäste. Ich erlaube mir, Sie im Namen Ihrer Majestät der britischen Königin, im Namen der britischen Regierung und im Namen des Verteidigungsministers und Oberbefehlshabers der Streitkräfte Geoff Hoon, zu begrüßen. Wie Sie wissen, ist heute der 11. November, der Tag, der in unseren Herzen, als Briten, teure Erinnerungen weckt. Eine Gedenkminute lang stehen die Arbeiten in allen Bereichen des Lebens still, um des Endes des Ersten Weltkriegs am 11. November 1918 um elf Uhr zu gedenken. So erweist man den Opfern der Kampfhandlungen die Ehre. Dabei haben sie eine halbe Generation das Leben gekostet. Warum erzähle ich Ihnen das? Weil ich der befehlshabende Offizier jener militärischen Einheit bin, die man "No man's land" nennt. Uns hat man die Aufgabe übertragen, Ausgrabungen für die britische Armee durchzuführen. Damit Sie sich unsere Arbeit besser vorstellen können, werde ich sie etwas genauer erläutern. Mein Team aus Soldaten und Mitarbeitern ist auf der Suche nach den sterblichen Überresten von Soldaten, die auf den Schlachtfeldern fielen und ihr Leben für die Krone opferten. Die meisten wurden anonym in die Schützengräben geworfen. Wir wollen uns nicht damit begnügen, die Bedingungen zu erforschen, unter denen die Soldaten tagtäglich an der Front gelebt haben. "No man's land" bedeutet mehr: All jenen unbekannten Soldaten eine Identität und Biografie zu schenken, deren Leichname wir in den Schützengräben von einst finden.
Sie sollen nicht dem Vergessen anheimfallen. Lassen Sie mich hinzufügen, dass meine Einheit auch deshalb so eifrig damit beschäftigt ist, der Geschichte von Schützengräben und Soldatengräbern nachzuspüren, weil die Bürger des Königreichs den im "Great War" Gefallenen ein Gefühl tiefer Verbundenheit entgegenbringen. (Denn Großbritannien, Great Britain, braucht eben auch einen "Great War"!) Bitte verstehen Sie, dass diese Aufgabe nicht einfach ist. Bei der Entdeckung des Grabes eines unbekannten Soldaten überkommen einen immer gemischte Gefühle. Einerseits ist es ein großer Erfolg, egal ob der Soldat Türke oder Brite, Deutscher oder Franzose war. Denn unsere Arbeit beginnt genau dort, mit der Feststellung der Identität der Person, die wir finden. Nur dann können wir die Angehörigen des Soldaten anrufen und ihnen mitteilen, dass der als verschollen geltende Gefallene doch noch in allen Ehren bestattet werden kann. Andererseits möchte ich Ihnen nicht verhehlen, dass die Entdeckung von menschlichen Knochen, die jahrelang vergessen in Soldatengräbern lagen, immer sehr aufwühlend ist. Um Ihnen ein anschauliches Beispiel zu geben werde ich Ihnen erzählen, was sich vor zwei Tagen ereignet hat. Eine wirklich unangenehme Sache. Immerhin steckten wir mitten in der Befreiung des Irak (ist er also doch nicht besetzt?!), des Südirak, mitten in einer neuen Expedition, um genau zu sein. Sie stand unter dem Motto: "Finding the Fallen". Wir begannen, die Leichname der Soldaten zu untersuchen. Diesmal nicht, weil man sie in den Schützengräben zurückgelassen hatte, sondern weil die Gräber, in denen sie seit vielen Jahren lagen, zerstört worden waren. Und zwar nicht nur in Bagdad. Dort hatte man den Englischen Friedhof dem Erdboden gleichgemacht und an seiner Stelle ein Mädchenkolleg gebaut - stellen Sie sich vor: ein Mädchenkolleg! Wie kann man die Toten nur so gering schätzen! Wo auch immer man im Süden Ihres Landes heutzutage hinschaut, fällt der Blick auf zerstörte Friedhöfe: in Basra, in Kut, in Nassaria. Die Gräber der Soldaten sind zerstört. Räuber, Diebe, Pöbel, Gesindel - verzeihen Sie - haben die schwarzen Steinplatten gestohlen, die die Namen der Opfer der Krone trugen. Schlimmer noch: beim Öffnen der Gräber haben sie sich nicht damit begnügt, die Knochen der Toten zu stehlen, die sie, wie man hört, für irgendwelche Hexenbräuche verwenden. Sie haben alles mitgehen lassen, was mit den Soldaten begraben worden war. Keine Ahnung, was sie damit anfangen wollen. Stellen Sie sich vor, sie haben Hundemarken, Brotbeutel, Sardinenbüchsen, Patronen, Lumpen, Soldbücher, Uniformtücher, Tücher zum Polieren der Stiefel gestohlen - alles, was dem Archäologen und Militärhistoriker helfen könnte, den Begrabenen mitsamt seinen Knochenresten zu identifizieren und gegebenenfalls in der Nähe seiner Angehörigen zu begraben. Um die Zerstörung vollkommen zu machen, haben sie auch ein paar dort verscharrte kleine Fässer mitgehen lassen, die zweifellos einmal giftige Gase enthielten. Die Räuber, die dieses Risiko eingingen, wussten nicht, welch einen Schaden sie sich selbst zufügten. Trotzdem, glauben Sie mir: eine Zerstörung wie die des Friedhofs in Ihrer Stadt hätte ich mir nie ausgemalt.
Der Friedhof Ihrer Stadt, meine sehr verehrten Herren, ist der schönste Friedhof im Süden unseres Reiches. Auf diesem Friedhof haben die geschicktesten Gärtner gearbeitet. Ihre Namen hat man in goldenen Lettern in das Archiv des Ministeriums für die Friedhöfe Britanniens eingetragen. Was schließlich geschah, ist eine Beleidigung des Erbes jener guten und mutigen Männer aus dem Süden, die mit uns arbeiteten und zwischen Muslimen und Christen nicht unterschieden. Sie starben ruhigen Gewissens, begegneten ihrem Herrn mit offenem Herzen - und würden sie auferstehen, könnten sie ihren Augen nicht glauben, denn alles, buchstäblich alles wurde herausgerissen und entfernt. Meine sehr verehrten Herren, während die zuständige Einheit die Knochen der Soldaten einsammelte, um die Klassifizierung vorzubereiten, stießen sie zufällig auf ein Grab, das nicht angetastet worden war. Als hätten die Diebe es nicht zerstören wollen. Alles deutet darauf hin, dass es sich um eine wichtige Persönlichkeit handelte, einen General aus der britischen Armee beispielsweise, dem die Bewohner der Stadt eine besondere Ehrerbietung entgegenbrachten. Was die Aufmerksamkeit unseres Trupps erweckte, war die Tatsache, dass man das Grab jahrelang mehr gepflegt hatte als die anderen Gräber. Die Totengräber hatten offensichtlich auch den Platz etwas abseits der übrigen Gräber mit Bedacht gewählt. Dieses Grab lag an einem schwer auffindbaren Ort, in der Nähe des Platzes, an dem das alte Steinhaus steht. Ein kleiner Jasminbusch wuchs auf ihm, in den Grabstein war ein wunderschöner poetischer Satz gemeißelt, den man nur schwer vergisst: "Das Gras singt über den stillen Gräbern". Anscheinend stammte dieser Jasminbusch ursprünglich nicht vom Englischen Friedhof, sondern war von einem anderen Ort hierher verpflanzt worden. Vielleicht sollte er einen Hinweis auf das Grab geben. Was uns erstaunte, war, dass der Grabstein erst vor Kurzem behauen oder sagen wir: bearbeitet worden war. Der Name darauf erstaunte nicht nur uns, sondern auch die britische Regierung. Wir riefen das Verteidigungsministerium an und sprachen mit Minister Sir Geoff Hoon persönlich. Wir telefonierten mit dem Ministerium, das für die der Krone unterstehenden Friedhöfe auf dem Boden des ehemaligen Empires zuständig ist und zum Archiv des Imperial War Museum in London gehört, dem auch unsere Einheit untersteht. Ja, wir zogen sogar die seriöse britische Zeitung Times zu rate. Aber alle waren höchst verwundert. Keiner wollte glauben, dass dort tatsächlich der Mann liegen sollte, dessen Name auf dem schwarzen Stein unter dem erwähnten Vers stand: Sir T. S. Eliot! Unseren Informationen zufolge gilt es als erwiesen, dass Herr Eliot die letzten Jahre mit seiner ältesten Tochter in der Altstadt von Jerusalem lebte. Dort gab er unter dem Titel Zwischen dem Paradies von Amaria und Samaria einen Gedichtband heraus, bevor er am 4. Januar 1965 im Alter von sechsundsiebzig Jahren in London verstarb. Es ist unmöglich, dass er in Ihre Stadt zurückgekehrt ist. Der Besuch des Irak wäre nach dem Militärputsch vom 14. Juli 1958 ohnehin für jeden Briten ein großes Abenteuer gewesen. Wie wäre es also erst einem Landsmann von seinem Format ergangen? Ich weiß, dass dies ein Scherz sein muss, mit dem uns jemand...