Nicht die zierlichen Putten, die man als Massenware in den Blumenmärkten kaufen kann und die nur für kurze Zeit auf den Gräbern ihre kleinen Flügel spreizen, sind das Thema in Gerd W. Götzenbruckers Buch 'Engel - Meisterwerke der Friedhofskunst'. Hier werden die mächtigen Wächter des Todes, die Grabengel, als verlässliche Schützer der ewigen Ruhe gezeigt. Viele von ihnen sind älter als hundert Jahre. Ein sitzender Genius ('Schlafes-Bruder-Motiv') auf dem Sankt Marxer Friedhof etwa datiert um 1790. Keiner dieser Grabengel wurde in saisonaler Wegwerfmentalität zur bloß behübschenden Dekoration hingestellt.
Ewigkeit ist das Thema des Todes. Engel sind unsterblich. Auch in Stein gehauen vermitteln sie das Gefühl der Zeitlosigkeit. Mit den Engeln gesellt sich die Schönheit an die Seite des Todes. Schönheit hat immer auch etwas Tröstliches. Androgyne Gesichter, knabenhafte Figuren, zarte Frauenkörper, imposante Flügel ' alles vermischt sich zu einem Wesen, dem man die Vermittlerrolle ins Jenseitige zugesteht. Auch der Name Engel steht für diese Rolle: Er leitet sich vom hebräischen Wort für Bote ab. Ein Bote zwischen dem Diesseits und dem Jenseits.
Acht Jahre lang war der Fotograf und Autor Gerd W. Götzenbrucker auf den Wiener Friedhöfen unterwegs.Über die Jahreszeiten hinweg. Es wurde eine kunsthistorisch-populärwissenschaftliche Reise durch die wichtigsten Epochen der Bildhauerei sowie eine bilderreiche Wanderung durch die schönsten Friedhofsanlagen Wiens. Die Meisterwerke der Wiener Friedhofskunst, so das Credo von Götzenbruckers bildgewaltigen Werk, sollen nicht in Vergessenheit geraten. Neben Genien und Engeln wurde auch die große Bandbreite der weiblichen Trauerskulpturen und allegorischen Todesbilder berücksichtigt. Das Buch wirft somit erstmals einen detaillierten fotografischen Blick auf 150 Jahre Wiener Grabmalkunst.
Die Fotografien offenbaren aber auch: Mit irdischer Kunst dargestellt, ist selbst die Ewigkeit vergänglich. So mancher Friedhofsengel, Wind und Wetter ausgesetzt und von den Lebenden in Stich gelassen, ist dem Verfall preisgegeben und wird in wenigen Jahren nur noch als Fotografie in diesem Buch zu betrachten sein. Und auch die eine oder andere Skulptur existiert für die Öffentlichkeit nur noch im Buch, weil sie von den Besitzern vom Grab entfernt oder gestohlen wurde.
Das Buch ist systematisch bestens gegliedert. Zu jedem Foto findet sich die Bezeichnung des Grabes und, wenn feststellbar, der Name des Künstlers. Man kann also mit dem Buch in der Hand seine eigene Rundreise durch die Wiener Friedhöfe von Sankt Marx, Mauer, Zentralfriedhof, Grinzing, Ober-Sankt-Veit, Matzleinsdorf und Hietzing machen. Im Anhang finden sich ein Verzeichnis der Bildhauer und die Angabe der 'himmlischen' Quellen, soll heißen der weiterführenden Literatur.
Ein Friedhofsspaziergang ist eine Wanderung auf den Spuren von Glaube, Liebe und Hoffnung und dieses Buch ist der perfekte Begleiter hierfür.