Eine junge Frau, Jamie, mit ihren beiden Töchtern, einer Sechsjährigen und einem Baby, auf der Flucht vor ihren Ehemann, der sie schlägt und mißhandelt. Im Greyhound-Bus auf der Fahrt quer durch Amerika lernt sie den Ganoven und Alkoholiker Bill Houston kennen. Die beiden tingeln gemeinsam von einem Motel ins nächste und geraten immer mehr auf die schiefe Bahn. Als das Geld für Alkohol und Drogen ausgeht, plant Bill mit seinen beiden Brüdern und einem Freund den großen Coup.
Denis Johnson führt uns in seinem Roman „Engel" gnadenlos ein Kaleidoskop gescheiterter Existenzen vor Augen. Beklemmend die Orientierungslosigkeit der Protagonisten, spür- und nachvollziehbar auch durch die schonungslose Direktheit und Intensität der Sprache. Selbst die humorvollen bisweilen ins Skurile reichenden Formulierungen verschaffen dem Leser keine Erleichterung oder Befreiung, sondern verschärfen nur in satirischer bis ins Perverse reichender Form die Aussichtslosigkeit der Situation. Damit wird man gefesselt, in Bann gehalten und zum Weiterlesen getrieben. Es gibt für die Handelnden kein Entrinnen - so könnte man die Grundaussage umschreiben. Sie sind Getriebene ohne Basis, ohne Boden unter den Füßen, ohne Ziel. Und so heißt es dann auch: „Aber ganz sicher konnte sie nie sein. Nichts stand je völlig fest...".
Sie flüchten sich in Alkohol, Drogen und Tabletten. Im vollgedröhnten Zustand werden für sie Vergewaltigung und Prostitution genauso zum Alltag wie für ihn Gewalt und Verbrechen. Als Endstation nach einem mißlungenen Banküberfall und damit Kulminationspunkt eines gescheiterten Lebens warten Psychiatrie und Gefängnis.
Dass der bereits 1983 in den USA erschienene und mittlerweile zu den Klassikern der amerikanischen Gegenwartsliteratur zählende Roman des 1949 in München als Sohn eines amerikanischen Offiziers geborenen Autors erst jetzt, 2001, in deutscher Übersetzung erschienen ist, mag verwundern. Aber angesichts der Gesellschaft, die in der Geschichte beschreiben wird, liest er sich wie heute erst geschrieben. (Barbara Kiesl)