Aus der Amazon.de-Redaktion
Auch in Johnsons Roman Engel, der jetzt nach acht Jahren erstmals auf Deutsch erschienen ist, gibt es kein Entkommen aus dem Gefängnis dieser Welt -- nur mit dem Unterschied, dass es sich bei den meisten Figuren hier um lauter menschliche Zombies handelt. Dies gilt vor allem für den bärtigen Alten, den die junge Jamie kennen lernt, nachdem sie ihren untreuen Ehemann gemeinsam mit den ungeliebten Kindern verlassen hat: "sein Gesicht schien an ihm wegzufaulen", heißt es dort. Jetzt ist Jamie mit dem sympathischen, aber unberechenbaren Kleinganoven Bill zusammen, den sie zufällig auf ihrer Flucht im Greyhound-Bus getroffen hat. Von nun an sind beide auf der Flucht: vor der Vergangenheit, vor der Polizei, vor dem grotesken Leben -- und vor dem Tod. Der holt beide am Ende doch noch ein, und zwar auf dramatische Art und Weise. Aber eigentlich waren Jamie und Bill ja die ganze Zeit nicht mehr von dieser Welt, auch wenn sie eher Engel als Zombies gewesen sind.
Wie Schon tot ist auch Engel ein irre wuchtiges Roadmovie, das literarisch zwischen Pathos und Groteske, Erkenntnisthriller und Schauerroman angesiedelt ist -- und in eine Reihe mit T.C. Boyles World's End und den großen Werken Thomas Pynchons gehört. Auch mit Engel bleibt Johnson die eigentliche Wiederentdeckung der letzten beiden Jahre. --Thomas Köster
Amazon.de-Hörbuchrezension
Wenn man Johnson hört, muss man an Raymond Carver und seine traurigen Gestalten denken. Mehr aber noch an Cormac McCarthy und seinen Roman Verlorene über die dunklen Ränder der amerikanischen Gesellschaft. Und was den einen oder anderen vielleicht stören könnte, dass man bei Brückners Stimme an Hollywood Schauspieler wie Harvey Keithel oder Robert DeNiro, die er seit Jahren synchronisiert, denken muss, ist im Fall von Engel eher ein zusätzlicher Reiz: Kino im Kopf, und eine großartig erzählte Geschichte über die Schattenseiten des amerikanischen Traums. --Christian Stahl
Spieldauer: 470 Minuten, 6 CDs, ungekürzte Lesung. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Audio CD .
Neue Zürcher Zeitung
Denis Johnsons Roman «Engel»
«Da man sich der Engel / neuerdings kaum mehr erwehren kann / ersuchen wir die Stadtverwaltung / uns von dieser Pest zu befreien». Der Pianist und Poet, Alfred Brendel, der mit diesen Zeilen zur ironischen Klage gegen den grassierenden Kitsch in Engelsgestalt anhebt, nimmt zunächst die «Barockputten» ins Visier, die weitgehend unsere Vorstellung von Engeln prägen. Durch die Vehemenz, mit der der Dichter gegen die himmlischen Wesen auf Erden anschreibt, beginnt das Anheimelnde ins Unheimliche zu kippen, werden die süssen Gesichtchen plötzlich zu dämonischen Fratzen. Damit wären wir mitten in Denis Johnsons hoch gepriesenem Roman «Angels» aus dem Jahr 1983, der kürzlich erst auf Deutsch erschienen ist, nachdem sich Johnson hierzulande mit seinem neueren Roman «Schon tot» ins Gespräch gebracht hat. Wer schon etwas von diesem 52-jährigen Amerikaner gelesen hat, wird kaum annehmen, dass es sich bei Johnsons Engeln um gütige Gottesdiener handelt. Gemeint sind vielmehr die unheimlichen Schatten der Vergangenheit sowie die durch Alkohol, Drogen oder Todesangst wachgerufenen dunklen Stimmen, die immer wieder verkünden: «Fürchtet euch!» Wohnwagensiedlungen an der kalifornischen Küste, die als Auffangbecken für menschliches Treibgut das Scheitern des amerikanischen Traums symbolisieren, prägen in «Schon tot» einen Teil des Settings. In «Engel» flieht Jamie mit ihren beiden Töchtern aus eben einer solchen Siedlung, nachdem ihr Ehemann sie im benachbarten Wohnwagen mit ihrer besten Freundin betrogen hat. Ihre im Greyhound-Bus beginnende Odyssee führt sie an verschiedene miteinander verkettete Tiefpunkte, wobei sie eine Erniedrigung nach der anderen überlebt, ohne Happy End zwar, aber dennoch nicht ohne Hoffnungsschimmer. Da alles in eine Richtung - nämlich nach unten - weist, wäre es nicht ganz fair, die Affäre mit Bill Houston, einem Mitreisenden, als ersten Schritt in die falsche Richtung zu bezeichnen. Als Trinker und Krimineller rutscht auch Bill immer weiter die schiefe Bahn hinunter. Nachdem die wenigen Dollars aufgebraucht sind, beginnt für das Paar und die zwei Kinder der Kampf ums Überleben. Dass Not erfinderisch macht, ist insofern eine trügerische Wahrheit, als nicht alle Erfindungen gleichermassen erfolgreich sind. Zwar verbietet ein letzter Funken Selbstachtung zunächst die Option der Prostitution, doch verkauft Jamie statt ihres Körpers ihr Blut für 5 Dollar auf einer Blutspendestation, die in den Worten eines verwirrten Habitués bevölkert ist von «toten Menschen, die rumlaufen wie die Lebendigen». Die Katastrophen steigern sich bei Jamie über eine Vergewaltigung und die Drogensucht in den Wahnsinn mit Zwangsverwahrung im Spital, während Bill im Bestreben, Geld für seine Familie zu «verdienen», bei einem Banküberfall mitwirkt, dabei zum Mörder wird und schliesslich in der Todeszelle landet. Was Johnsons drastische Geschichte zum literarischen Erlebnis macht, ist die sprachlich-formale Umsetzung. So verschmelzen realistisch-derbe Dialoge mit differenzierten Beschreibungen innerer Zustände und Empfindungen, die den Charakteren selbst in ihren schmerzlichsten Augenblicken Würde verleihen und sie immer als Menschen und nie als Monster darstellen. Dass die Gespräche und Bilder auch in der deutschen Fassung so gut intoniert und ausgeleuchtet sind, ist ein besonderes Verdienst der Übersetzerin. Meisterhaft ist Johnsons Arrangement von Begleitmotiven, die die Handlung ironisch kontrastieren und variieren. Dies tut er vor allem mit den ebenso traditionell hochgehaltenen wie faktisch ausgehöhlten Werten «Religion» und «Familie». So wie auf jedem Dollar der Satz «God save America» steht, so wimmelt es in «Engel» von Anspielungen auf Manifestationen des Christentums: von den mitreisenden Nonnen über Bills bigotte Mutter, seine von Luzifer schwafelnde Schwägerin bis hin zu Gebetsfetzen und Beichten, den Redensarten wie «O Gott» oder dem Autokleber mit der Aufschrift «Hup, wenn du Jesus kennst». Dass Bill trotz dieser von Klischees verstellten Welt in der Todeszelle eine Art religiöses Erlebnis hat, das ihm seinen inneren Frieden gibt, ist umso eindrücklicher. Obschon sämtliche Figuren in ihrem freien Fall immer weiter auseinander driften, wird häufig das Wunschbild einer intakten Familie heraufbeschworen. Dies vor allem von Bills Mutter, Mrs. Houston, die beim Abendessen mit ihren Söhnen und deren Partnerinnen ihren lebenslänglich im Knast sitzenden Mann herbeiwünscht, damit er das Tischgebet spreche. Bergen Mrs. Houstons Familiensinn und Mutterliebe bisweilen komische Züge, bleibt einem das Lachen im Hals stecken, etwa wenn sie schön gekleidet im Gerichtssaal sitzt und voller Stolz auf ihren im Mittelpunkt stehenden Sohn dessen Verurteilung miterlebt, ohne zu realisieren, was genau abläuft. Solch schrille Kontraste zwischen der von den Figuren gelebten Realität und den durch Normen oder Rollenmuster im Raum stehenden Ansprüchen erzeugen einen grossen Teil der Spannung in Johnsons Prosa. Diese Diskrepanzen werden ohne Wertung oder ironische Brechung vorgeführt, wodurch sie umso mehr frappieren. Im Fall der Vollstreckung des Todesurteils aber wird die streng darstellende Erzählweise aufgeweicht. Unschwer lässt sich aus der Darstellung der Ereignisse sowie den Aussagen von Bills Verteidiger oder seinem Wärter eine Anklage gegen die amerikanische Justiz herauslesen. Der kleine Mörder wider Willen geht geläutert in den Tod, während der willkürlich mörderische Apparat in seiner Absurdität weiterlebt. Ob angesichts dieser von Dämonen gelenkten Story am Schluss die Hoffnung auf milder gestimmte Engel berechtigt ist, lässt sich als Frage nicht eindeutig beantworten. Immerhin bleibt die Aussicht im Raum stehen, dass Jamie nach überstandener Therapie genügend Boden unter den Füssen gewinnt, um in der Welt, in der sie fast untergegangen wäre, nicht mehr einzubrechen.
Pressestimmen
"Johnsons Welt ist schwerzvoll und dunkel, aber nicht ohne Komik - und nicht ohne Hoffnung. Seine Bücher sind keine Repräsentationskunst wie so viele Romane aus Amerika, die bei uns berühmt werden: deshalb hätte ich gewettet, dass 'Already Dead' und 'Angels' nie auf deutsch verlegt werden würden.
Jetzt gibt es beide ..., und erstmals bekommt Johnson hierzulande die Aufmerksamkeit, die er längst verdient hat. Denn er is der außergewöhnlichste Schriftsteller, den es zur Zeit in Amerika gibt." (Georg M. Oswald)