Neurosis haben Mitte der 80er als schnell spielende Hardcore-Band angefangen. Im Verlauf ihrer Entwicklung verlangsamte sich ihre Musik, wurde düsterer, atmosphärischer, intensiver und ausufernder. Heutzutage gelten sie als eine der einflussreichsten Bands im Grenzbereich zwischen Metal, Doom, Sludge und was dergleichen Genrewörter mehr sein mögen. Große Emotionen brauchen Platz, und die Emotionen von Scott Kelly und Steve Von Till, den beiden Shoutern-und-Gitarristen müssen wirklich gewaltig sein. Oder sie haben einfach nur das richtige Ventil gefunden. Auf "Enemy Of The Sun" schreien und brüllen sie sich die Seele aus dem Leib. An diesen K*tzbrocken von einer Platte traue ich mich nur in größeren Abständen heran und finde mich jedes Mal in der Gewißheit bestätigt, daß "Enemy Of The Sun" (neben JOHN ZORNs Impro-Projekt PAINKILLER und vielleicht ein paar post-Metal-Geschichten) das Brutalste und Gnadenloseste ist, was meine Sammlung hergibt. Selbst die eine oder andere Neurosis-Platte ist angenehm konsumierbar im Vergleich, und z.B. die MELVINS klingen dagegen wie eine gemütliche Bluesrock-Rasselbande.
Man kann sich um Kopf und Kragen dichten auf der Suche nach der passenden Metapher für diese Musik, man kann Wörter wie "Morast", "Lavastrom", "Schmerz", "Depression", "Wut", "Haß", "Katarsis", "Seelenexorzismus" oder "infernalischer, von potentiellen Amokläufern angezettelter Krach" in den Mund nehmen - aber wozu? Der berstenden Gewalt und Macht von "Enemy Of The Sun" wird das alles nicht gerecht. Man müßte es mal hören und dazu ein paar Kapitel aus dem Buch der Offenbarung lesen, das wäre vielleicht ganz stimmig. Songs wie "Lexicon" oder das Titelstück hören abschnittweise fast auf, wie Musik zu klingen und beschreiten die Grenze zum apokalyptischen Geräusch. Zwischendurch gibt es Atempausen, in denen manchmal sogar eine Violine oder Hörner zu hören sind, aber das ist immer nur ein Kräftesammeln vor der nächsten unheiligen Eruption.
In die Arrangements sind an vielen Stellen Samples aus Nachrichtensendungen oder Filmen hineingemischt, die zur über alles hinwegmarodierenden schieren Gewalt der Musik noch einen medialen Overkill auf den Hörer niederprasseln lassen. "Enemy Of The Sun" verlangt ihm Einiges ab. Die letzte Viertelstunde ("Cleanse") besteht aus tribalistischem Getrommel, kehligen Schreien und, naja, einem Didgeridoo (Das Album ist ja nun auch schon etwas älter...), und nachdem Neurosis auf den vorangegegangenen 7 Tracks emotionale Rockmusik an die Grenze des Möglichen, wenn nicht gar drüberweg gepeitscht haben, brechen sie ihre Vision runter auf die Ursprünge aller Musik überhaupt: Trommeln und Ausrufen. Weh dem, der da an ausdruckstänzerische Hippie-Workshops denkt. Neurosis zermalmen sowas mit 2 Fingern. Und das Hochspirituelle, Schamanische, was man schon die ganze Zeit wahrnahm (wenn man mal wieder daran dachte, vorsichtig Luft zu holen), kommt zum Vorschein. Das Didgeridoo klingt in diesem Zusammenhang dann auch nicht mehr viel anders als einer dieser monolithischen Neurosis-Akkorde, die sie ständig irgendwo hinstellen wie gigantische Mauern.
Das Reissue bringt außer einem Artwork-Update und dem (wie immer bei Neurosis) schön anzuschauenden Papp-Umschlag ein Demo des "Souls At Zero"-Tracks "Takeahnase" und eine bei einem Gig in Oberhausen aufgenommene, "Cleanse III" betitelte Sound-und-Sample-Collage.