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Einen über weite Strecken "durchaus unterhaltsamen und wirren Trash- und Kolportage-Roman", der den "eigenen Irrsinn gegen den Irrsinn des Nationalsozialismus setzt", hat Gerrit Bartels gelesen. Thor Kunkels Roman, den der Autor wohl in einem "Anflug von Größenwahn" unter anderem Jesus und Nietzsche gewidmet habe, folge dem Angestellten des SS-Hygieneinstituts, Sozialdarwinisten und Erotomanen Karl Fußmann ins Pornomilieu zur NS-Zeit, umreißt der Rezensent die Handlung, wobei sich Kunkel mitunter in "Penthouse-Fortsetzungsroman-Sätzen" und in Pornoszenen verliere. Der Vertrieb der entstehenden Filme führt schließlich nach Nordafrika und dort endet, wenn wir den etwas unentschieden wirkenden Rezensenten richtig verstehen, in einer "abenteuerlichen Verbrecherklamotte" auch der unterhaltsame Teil des Buches. Selbiges gerate nämlich mit der Darstellung des Einzug des Krieges in Deutschland und stärker noch mit der Besetzung durch die Rote Armee in "Schieflage", meint Bartels und zitiert empört, was Kunkel zufolge nach der russischen Besetzung Berlins ablief: eine "gnadenlose Fließbandarbeit von samenden Automaten". Damit stimme der Autor in die Leier von den "armen, verführten Deutschen" und in den derzeitigen Trend "Deutschland einig Opferland" ein, kritisiert Bartels.
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Buchnotiz zu : Süddeutsche Zeitung, 01.04.2004
Thor Kunkel "stampft treudeutsch voran, seine Kampfthesen im Tornister" schreibt Rezensent Robin Detje mehr als erbost. Der neue Roman über Pornofilme im Nazireich hätte ein "großes Buch" werden können, wenn der Autor "ein Herz hätte oder ein Gefühl für Sprache". Beides fehle ihm jedoch und so sei nicht nur ein schlecht geschriebener, sondern obendrein noch "offen revanchistischer und antiamerikanischer" Roman entstanden, über dessen positive Bewertung in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung der Rezensent nur staunend den Kopf schütteln kann. Dabei ginge es nicht darum, das Thema Pornografie zu tabuisieren. Nicht an die Grenzen der Literaturkritik sei Kunkel gestoßen, sondern an seine eigenen Grenzen. Daraus, so der Rezensent, könne man nur schließen, dass das eigentliche Terrain Kunkels "die Stilblüte" sei. Ohne Duden könne man das Buch, in dem "antiwestliche Nachkriegsgesinnung" und antiamerikanische Parolen "wütend verquirlt" seien, nämlich gar nicht verstehen.
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Pressestimmen
Thor Kunkel über sein Buch
Kurzbeschreibung
Thor Kunkels Roman umfaßt den Zeitraum zwischen 1940 und 1960, spielt in Berlin, auf einer Berghütte nahe dem Obersalzberg, in Nordafrika, Frankfurt am Main und in den USA. Er ist ein gewagter Blick in das Innenleben des Faschismus und eine Wissenschaft ohne ethische Grenzen, ein raffinierter Stilmix aus groteskem Witz, auf die Knochen gehender Brutalität, kolportageartigem Abenteuerroman, fiktiven Briefen, Tagebüchern, elegischer Liebesgeschichte und bösartiger Ironie. Endstufe ist die literarische Antwort auf Quentin Tarantino und David Lynch, ein provokantes Buch über die Nachtseiten des Menschen, das Thor Kunkel konsequent dahin verlegte, wo sich die menschliche Natur von i hrer schlechtesten Seite gezeigt hat: nach Deutschland unter der Nazi-Diktatur.
Auszug aus Endstufe von Thor Kunkel. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
DIE ORDNUNG DER SCHATTEN
1. Infiziert
Jede Revolution geht auf Naturzustand hinaus, Gesetz-und Schamlosigkeit.
Johann Wolfgang von Goethe
Zwischen Wolkenbruch und Sonnenuntergang klaffte der Himmel über Berlin wie der offene Bauch einer frisch geschlachteten Sau. Rosige Aussichten, dachte Karl Fußmann. Er spielte unbewusst mit einem Pendel, das in einem Radius von zwanzig Zentimetern um seinen Zeigefinger kreiste. Jede Wicklung des Fadens presste Blut in die kalte Fingerspitze und verursachte dort ein warmes Gefühl.
Er saß in der Kantine des SS-Hygiene-Instituts, Westflügel, dritter Stock. Ein festlich beleuchteter Zeppelin stieg gerade über dem nahen Schlachtensee auf, die Hakenkreuze am Leitwerk erinnerten aus dieser Entfernung an kleine Propeller. Ansonsten bot das Panoramafenster einen eher trostlosen Ausblick auf die Spanische Allee. Die andere Seite, die fensterlose, grenzte an die neue histopathologische Abteilung. Hinter der Wand wurden täglich Leichen seziert, aber Fußmann störte das nicht. Er aß hier regelmäßig zu Mittag.
Der Humanismus funktioniert nicht, weil der Mensch nicht human ist, dachte Fußmann. Wir leben in einer gewalttätigen Welt. Wille und Macht stehen über Geist und Recht. Die Moral ist ein Hemmschuh der Intelligenz. Er hielt das für eine fundamentale Erkenntnis und wähnte sich auf dem richtigen Kurs. Wie viele kleine Angestellte philosophierte auch er über den Lauf der Welt. Im Nationalsozialismus witterte er die Chance, "der menschlichen Entwicklung Beine zu machen".