Thor Kunkels Roman hat eine kontroverse Debatte ausgelöst, ob es die Nazionalsozialisten tatsächlich fertiggebracht haben, Pornofilme gegen Naturalien in das Ausland zu "verkaufen". Auf die historische Möglichkeit dieser Vorgänge möchte ich nicht eingehen, das mögen die Experten tun. Ich habe das Buch einfach gelesen. Und mein Urteil lautet: Schade! Kunkel schaltet den Leser sofort am Beginn des Romans in die Handlung ein, was eine Orientierung etwas erschwert. Mitarbeiter des SS-Hygieneinstituts benutzen die Infrastruktur ihrer Institution zur Produktion und Distribution von Pornofilmen. Zunächst bedient der Autor Klischees, die man aus dem Geschichtsunterricht zur Genüge kennt: stiefelliebende Emporkömmlinge, saturierte Adelige, die politische
Situation verkennende Szenegänger und Trittbrettfahrer. Vergeblich wartet der Leser auf neue Erkenntnisse über die Dekadenz der Nazis, wohl auch in der Hoffnung, seine voyeuristische Ader zu befriedigen. Kunkel läßt ihn ins Leere laufen, es kommt nichts. Einen Moment der Spannung erleben wir, als der Protagonist Dr. Karl Fußmann an korrumpierte Gestapo-Beamte gerät, die ihn in eine schier aussichtslose Situation manövrieren. Kunkel verfolgt diesen Bogen bedauerlicherweise nicht. Statt dessen läßt er Fußmann einer Prostituierten verfallen, vor der er sich zum Narren macht. Diese Thematik ist besser nachzulesen im 1905 (!) erschienen Roman "Professor Unrat" von Heinrich Mann. Ab der Hälfte nimmt das Buch eine unerwartete Wendung. Fußmann wird nach Libyen versetzt um dort die noch nie aufgetretene Malaria zu erforschen. Nun beginnt eine aberwitzige Phantasie: Der Hauptdarsteller lernt Kornel kennen, einen Versehrten, der aufgrund seiner Verletzung telekinetisch veranlagt ist. Kunkel hinterläßt hier stark den Eindruck, als sei ihm nichts Rechtes mehr eingefallen. Das letzte Drittel des Romans ist eine wirre Aneinanderreihung der Schicksale zuvor im Buch aufgetretener Personen: Drahtzieher der Filmproduktion, Graf Gessner, wird von Johanna, der Gattin Karl Fußmanns, hingerichtet, Kameramann Holsten endet als Heimkinovorführer für die Sowjettruppen und Fußmanns Spuren verlieren sich in Nordamerika. Sicher ist die Thematik reizvoll, und Kunkels Talent, die Dinge zuweilen spannend und hintergründig darzulegen hochinteressant. Doch das laufende Abrutschen des Autors in die bekannten Klischees, die man aus der NS-Zeit kennt, versetzen der Handlung immer wieder Dämpfer. Absolut schwach ist der Abschluß, der klar zeigt, daß der Autor seinen Anspruch durch das Buch hinweg nicht halten kann. Die völlig absurden Vorkommnisse in Nordafrika (ich möchte auch nicht zuviel verraten) und Amerika lassen vermuten, das Kunkel hier nicht mehr viel eingefallen ist, und er sein Pulver früh im Roman verschossen hat. Daher kann ich der "Endstufe" nur die Beurteilung "Schade" zuteil werden lassen. Thor Kunkel hat manche gute Idee aufblitzen lassen, diese jedoch dann nicht weiter verfolgt.