Wer seine Lektüre bereits mit dem Vorwort beginnt, wird das Buch wohl nicht so schnell aus der Hand legen - so packend vermag die Autorin gleich zu Beginn Betroffenheit und Engagement zu vermitteln. Für Eltern gleichermaßen wie für Lehrkräfte und Behörden will sie das Buch geschrieben haben - letztlich aber doch besonders für die Kinder - auch wenn gerade diese ihr Buch wohl kaum lesen.
Zum Einstieg wird die Not der Schule beschrieben, das Ausmaß von Schulverweisen mit den wenigen vorhandenen Zahlen (aus England) dargelegt und Begriffe werden geklärt. Fünf Schulbiographien wecken nicht nur Betroffenheit, sondern sie zeigen auch eine breite Vielfalt von Abläufen, die alle zum Schulausschluß führten. Die Darstellung, wer denn überhaupt von Schulausschluß betroffen wird, führt zur Frage nach den geltenden Verhaltensnormen und dem Maß an nötiger Disziplin. Hier wird auch die Politik und die Elternmitarbeit gefordert. Kapitel über Mobbing an der Schule, demütigende Lehrerworte und Jugendselbstmord schärfen das Bewußtsein für Ursache und Wirkung. „Auf dem Weg zum Schulausschluß ist das Augenmerk stets auf die Defizite eines Schülers gerichtet - dabei werden aber bei genauerem Hinsehen die Defizite der Schule ebenfalls sichtbar gemacht." Jürg Jegge kommt zum Wort mit einer Betrachtung über „Leitbilder und Leidbilder". In der Ausbildung junger Lehrkräfte ist Disziplinlosigkeit noch immer (!) kein Thema. Umso aufschlußreicher ist eine Liste dringendster Wünsche von Lehrpersonen, „deren Erfüllung ihnen eine eigenständige und würdevolle Lösung der akuten Konfliktsituationen im eigenen Klassenzimmer ermöglichen könnte".
Sechs konkrete Einblicke in sehr unterschiedliche Schulstuben beschreiben erfolgreichen Umgang mit schwierigen Kindern und zeigen auf, daß es dabei viel weniger um die Methodik geht als vielmehr um die Grundhaltung der Aufmerksamkeit.* Die ausführlichen Lösungsentwürfe für schwierige Schulsituationen richten sich an Eltern, Lehrpersonen, Fachkräfte und Schulbehörden. Die überaus lesenswerte Arbeit endet mit einem Plädoyer für mehr Kreativität im Umgang mit Schulkindern. Im Anhang finden sich Listen aktueller Kontaktadressen und weiterführender Bücher.
Das Buch von Michèle Minelli zeichnet sich aus durch ein tiefes Bedürfnis nach gegenseitigem Verständnis aller Beteiligten, konkrete Beispiele für erfolgreiche Lösungen und die Abwesenheit von Forderungen nach einseitigen Maßnahmen. Ein hilfreiches Buch, das Mut macht für kreative Lösungen!
* P.S. Im preisgekrönten Dokumentarfilm „Bowling for Columbine" antwortet der Schockrocker Marilyn Manson auf die Frage von Regisseur Michael Moore, was er den Schülern der Columbine-Highschool zum Massaker vom April 1999 sagen würde: „Nichts. Ich würde ihnen zuhören. Das geschah offensichtlich zuwenig."