Regen, Wind und graue Tage: Das Leben ist nicht gerade gemütlich in den Februartagen auf Baltrum. Touristen sind noch keine da, die Insel kennt man in- und auswendig, immerhin ist sie ja auch nicht sehr groß. Sie ist die kleinste der ostfriesischen Inseln, das Dornröschen der Nordsee genannt. Autos fahren dort keine, und wenn es das Wetter so will, können auch die Schiffe nicht fahren. Zeit genug, um für die kommende Saison Theaterstücke einzustudieren, die freiwillige Feuerwehr auf den neuesten Stand zu bringen und sich reihum in einer der vielen Gaststätten zu treffen, denn an jedem Abend hat ein anderer die Abendschicht, streng nach Plan. Eigentlich ein beschauliches Leben, die einzigen Fremden sind Vertreter und Bauarbeiter, die die Flaute am Festland nutzen und auf der Insel ihrer Arbeit nachgehen, solange die Touristenströme noch nicht eingetroffen sind.
Birgit und Henning Ahlers führen auf Baltrum das Hotel Strandcafé, welches zur Zeit zwei Vertreter und drei Bauarbeiter beherbergt. Henning ist leidenschaftlicher Koch, was sich auch in ein paar Anregungen zu alten, regionalen Gerichten niederschlägt. Nebenan wohnt Grete, eine alte, verbitterte Witwe, deren Sohn Peter Lehrer auf dem Festland ist. Ausgerechnet an einem stürmischen Tag besucht er sie mit seiner zukünftigen Frau Sabine, wegen des Wetters müssen sie die Nacht bei Birgit und Henning im Hotel verbringen. Am nächsten Tag entdeckt Peter seine Mutter niedergeschlagen in der Küche. Ein Sturz? Oder ein Überfall? Aber wer will denn einer alten, wenn auch verbiesterten Frau etwas Übles? Und warum benimmt sich der Polier Martin Jensen auf einmal so komisch? Birgit ergeht sich in wilde Vermutungen und hat auch keine Scheu, ihre Ergebnisse allen mitzuteilen. Bringt sie sich damit möglicherweise noch in Gefahr?
Für Baltrum-Fans ein unbedingtes Muss. Ulrike Barow gibt sich alle Mühe, auch wirklich jedes Restaurant und Geschäft wenigstens einmal zu erwähnen. Wer die Örtlichkeiten kennt, fühlt sich sofort Zuhause und kann die Atmosphäre genießen. Für alle anderen Leser ist die Geschichte aber genauso zu empfehlen, denn die Autorin hat es wunderbar geschafft, diese einmalige Inselatmosphäre einzufangen. Detailliert bringt sie einem ins Gedächtnis, wie eine autofreie Insel funktioniert, es wird einem bewusst, wie abhängig die Insulaner doch vom Festland sind. Man kann nicht einfach in den nächsten Baumarkt gehen, wenn man renovieren möchte. Nicht jede Ware ist frei verfügbar, wobei das Internet und der Versandhandel schon vieles ermöglichen, sehr zum Leidwesen der Vertreter, die ihren bisherigen Exclusivmarkt schwinden sehen. Genauso schwierig gestaltet sich allerdings auch die Tatortermittlung, mit der der Inselpolizist zwar erst einmal gut zurechtkommt, als dann aber noch ein Feuer gelegt wird, erfährt man aus nächster Nähe die Ausmaße der Behinderung der Tatortermittler.
Die außergewöhnliche Atmosphäre ist der größte Pluspunkt des Krimis, denn der Fall an sich ist nicht besonders aufregend oder innovativ. Eigentlich plätschert er so vor sich hin und ist für jeden Krimiliebhaber relativ vorhersehbar. Durch den eingängigen Schreibstil der Autorin ist man direkt im Geschehen, sie verliert sich nicht in überflüssige Gedankengänge, sondern beschreibt in genau richtigem Maße Handlung und Atmosphäre. Manchmal lässt sie ihre Charaktere, bevorzugt die Älteren, schon mal im Dialekt sprechen, was doch etwas gewöhnungsbedürftig ist.
Fazit
Für Baltrum-Kenner ein kleiner, feiner, literarischer Leckerbissen. Für alle anderen eine recht amüsante Geschichte, die sich flüssig lesen lässt, für zwischendurch, die durch ihre einzigartige Atmosphäre etwas ganz Besonderes ist.