Das vorliegende voluminöse Buch des Historikers Ilko-Sascha Kowalczuk ragt unter den vielen Veröffentlichungen 20 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer und der friedlichen Revolution in der DDR in ganz besonderer Weise heraus.
Er nennt sein Buch "Endspiel", und wer sich schon lange gefragt hat, wie ein scheinbar fest gefügtes, für die Ewigkeit angelegtes System der Repression innerhalb von nur wenigen Monaten sozusagen von der Landkarte verschwinden konnte, findet in diesem Buch zahlreiche und vor allem differenzierte Antworten. Das Buch ist gründlich recherchiert, und stützt sich sowohl auf die Stasi-Alten als auch auf die Archive der Bürgerbewegung.
Der heute als Wissenschaftler in der Birthler-Behörde beschäftigte Autor des Buches kommt zu dem Schluß, dass die Öffnung der Mauer am 9.11.1989 "keine eigenständige Entscheidung der SED-Führung" war, sondern ein Ergebnis der gesellschaftlichen Entwicklung war, die diese Entscheidung quasi erzwungen habe.
Obwohl er die großen politischen Linien der Jahre vor dem Mauerfall ausführlich nachzeichnet und insbesondere Gorbatschow als eine Art Zauberlehrling schildert, der den Geist aus der Flasche lässt, den er nicht loswerden kann, liegt sein Schwerpunkt nicht bei der großen Politik , sondern auf den Reaktionen der Menschen und der gesellschaftlichen Gruppen auf sie. Er beschreibt eine DDR -Gesellschaft, die schon allein deshalb dem Untergang geweiht gewesne sie, weil sie unheilbar krank war. Eine immer verheimlichte hohe Zahl von Suiziden, ein allseits umfassender Alkoholismus haben eine ganze Gesellschaft berauscht und ruiniert.
Ein Schwerpunkt des Buches von Kowalczuk ist die Schilderung der Rolle der DDR-Kirche, die sowohl Stasi-Leute in ihren Reihen hatte, als auch eine nicht hoch genug einzuschätzende Rolle für die Veränderung innerhalb des Landes schon seit Beginn der achtziger Jahre gespielt hat. Erst sehr spät im Laufe des Jahres 1989 brauchten die nun selbständig gewordenen Bürgerbewegung das schützende Dach der Kirche nicht mehr.
Der Autor selbst kennt die Ereignisse nicht aus eigener Anschauung, und doch liest sich das Buch über weite Strecken so authentisch und spannend, als sei er selbst dabei gewesen. Ein empfehlenswertes Buch über die Geschichte eine Gesellschafts- und Systemkrise, die zu einer aus heutiger Sicht immer noch wunderbaren" friedlichen Revolution führte.
Man sollte bei aller nötigen Kritik an den Fehlern des Vereinigungsprozesses, bei allen vielleicht auch teilweise berechtigten Vorurteilen gegenüber den Ossis und bei allen Tendenzen im Osten, die alte Gesellschaft zu verklären , dies nicht vergessen.