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Früher, als sie das Ende des Sommers noch als Verlust empfunden hat, schrieb Johanna Vorworte und Nachworte. In diesen hat sie geheime Botschaften an der Zensur vorbei geschmuggelt -- bis das "Wunder" (die Wende) dieses Talent völlig unnötig machte. Johanna aber, weil sie vor lauter Freude und Lachen vergessen hat, sich zu diesem günstigen Zeitpunkt (wie so viele andere) eine neue Biografie zu erfinden, leidet unter dem Gefühl lähmender Gleichgültigkeit: sie hat der Welt nichts mehr mitzuteilen und harrt dem Ende des Tages, des Sommers und schließlich des Lebens scheinbar in Gleichmut entgegen. Aber auch die Lebensentwürfe ihrer Freunde sind leise gescheitert -- und ebenso warten diese, warten, auf was auch immer und in Geduld.
Monika Maron, die Zeremonienmeisterin im Ausloten von Widersprüchlichkeiten des DDR-Alltags, knüpft in ihrem neuesten Roman an ihre frühen Werke wie Flugasche oder Die Überläuferin an. Wo sich zuletzt in Animal Triste die greise Heldin in ihrer bedingungslosen Liebe scheinbar aus Zeit und Geschichte entfernt hat, reflektiert Johanna in Endmoränen ihre gegenwärtige Situation gerade vor dem Hintergrund ihrer gebrochenen Biografie: Sie leide, so ihr Mann Achim, unter "einer geistigen Deformation ... als Folge erzwungener defensiver Denkgewohnheiten".
Und so schleppt sich Johannas Versuch, eine Biografie ohne geheime Botschaften zu schreiben, quälend und langsam dahin -- sie hat keine Sprache für ihre gegenwärtige Wirklichkeit und jedes Handeln erscheint ihr überflüssig. Umso mehr hat Monika Maron in diesem neuen Roman eine Sprache gefunden, um die Innenwelt dieser in existenzielle Atemnot geratenen Figur zu erkunden und darzustellen. Ein leises Buch, aber von bedrängender, suggestiver Kraft. --Christian Stahl
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Monika Maron noch immer auf der Suche nach dem Eigentlichen
In ihrem zuweilen komischen, mehr jedoch ernsthaften, mit spitzer Feder geschriebenen Essayband Nach Maßgabe meiner Begreifungskraft schrieb die Autorin 1988/89 unter der Überschrift Schreiben auf dem Lande: „Früher habe ich gesagt, Landleben macht dumm, jedenfalls mich. Je älter ich werde, um so seltener sage ich diesen Satz. Eigentlich sage ich ihn überhaupt nicht mehr, was nicht bedeutet, dass ich an seinem Wahrheitsgehalt inzwischen zweifle." Derart doppelbödige, selbstironische Sätze finden sich im gesamten Werk der nunmehr 62-jährigen Autorin.
„Endmoränen" nennt Monika Maron ihren letzen Roman, von Gletschern verfrachteter und angehäufter Gesteinsschutt, treffend für das Gefundene, Angehäufte im letzten Drittel des Lebens, für das scheinbar Unabänderliche. Johanna, die Protagonistin, lebt in einem zufällig erworbenen Sommerhaus in Basekow, einem kleinen Dörfchen in der Uckermark . Dort hat sie Zeit genug, um über den Rücken ihres Ehemannes nachzudenken, den sie häufiger zu sehen bekommt, als seinen Mund. Dort schreibt sie Briefe an den letzten Mann, der sie, außer ihrem Ehegatten geküsst hat, wunderbare, aufrichtige Briefe. Dort erinnert sie sich an Irene, die behinderte Freundin, die gestorben ist, die in einem Körper lebte, wie in einem Mietshaus, dessen Wände brüchig sind. Irene, die sie nach der Liebe fragte: „Hat es so etwas gegeben." Johanna hat, neben der Beschäftigung mit Garten und Haus noch einen beruflichen Auftrag, dem sie fast wiederwillig nachkommt, weil sich das Ergebnis einreihen wird in all die Beliebigkeit des Geschriebenen, die die neue Freiheit mit sich brachte: Wilhelmine Enke, der vergessenen Geliebten Friedrich Wilhelm II. Dennoch, in den Notizen zu jener bemerkenswerten Frau eine Spur jenes Aufbegehrens, das jene Josefa aus „Flugasche", Monika Marons erstem Roman so liebenswert machte. Schrie diese damals noch auf: „Mein Gott, in welcher Zeit leben wir denn, dass solche belanglosen Feststellungen ausreichen, um zu einem kritischen Geist und zu einem kämpferischen Charakter ernannt zu werden." Johanna notiert: „(...) Dirne; was für eine Sprache, in der Prostituierte als Synonym für Geliebte verstanden werden darf?" Diese Frau im reifen Alter, die neben dem Verfall des eigenen Körpers, jener„öden langen Restzeit" des Lebens ins Auge sieht, „in der wir nur noch als Zielgruppe von Verkäufern und als katastrophaler Kostenfaktor für die Krankenkassen wichtig sind und sonst von skandalöser Unwichtigkeit", kommt nicht umhin, über vertane Chancen nachzudenken, dem „eigentlichen" Leben oder was es hätte sein können. Doch es wäre nicht die Monika Maron, welche die grandiose Liebesgeschichte zweier betagter Liebender wie in „Animal triste" geschrieben hat, die auch in diesem Roman noch einmal die Hand ausstreckte, nach dem Fernen, dem Gedachten, dem Gewünschten.
„Endmoränen" ist ein klares, ein kluges, ein wunderbares Buch über das Ankommen und Weggehen, über das Abfinden und Wünschen, über all die Facetten des Möglichen und Vergeblichen, ein Buch, das sich einordnet in das Gesamtwerk einer Autorin, die Zeit ihres Lebens mit beeindruckender Authentizität und Aufrichtigkeit geschrieben und und hoffentlich weiter schreiben wird.
Monika Maron, geb. 1941 in Berlin arbeitete nach dem Abitur als Fräserin, dann als Regieassistentin beim Fernsehen, ehe sie in Ostberlin Theaterwissenschaften und Kunstgeschichte studierte. 1981 veröffentlichte sie ihren ersten Roman „Flugasche" bei S. Fischer, in der DDR durfte das Buch nicht erscheinen. 1988 verließ die Autorin die DDR und lebte bis 1992 in Hamburg, heute lebt sie wieder in Berlin. Zu ihren wichtigsten Werken gehören zweifellos „Flugasche", die Essaysammlung „Nach Maßgabe meiner „Begreifungskraft", sowie die Romane „Stille Zeile Sechs" und Animal Triste". Monika Maron erhielt zahlreiche literarische Preise, u.a. den Heinrich-von-Kleist-Preis 1992.
Undine Materni
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