Die durchschnittliche Lebenserwartung des Menschen ist in den letzten 100 Jahren von 49 auf ungefähr 80 Jahre phänomenal angestiegen und ein Ende scheint kaum in Sicht - Wasser auf den Mühlen aller Anti-Aging-Gläubigen, die Unsterblichkeit scheint nur noch eine Frage der Zeit - neueste Erkenntnisse in der Gentechnik machen's möglich. Doch natürlich wirft die Diskussion um ein medizinisch machbares ewiges Leben, eine Vielzahl von Fragen auf, vor allem wie es möglich sein soll, dieses zu erreichen. Als Humangenetiker sieht sich Univ.-Prof. Mag. Dr. Markus Hengstschläger oft mit solchen bohrenden Fragen konfrontiert, ob, wann und wie man denn nicht das Leben entscheidend verlängern könnte und welche Rolle die Gene dabei spielen. Mit "Endlich Unendlich" versucht Hengstschläger eine Antwort zu geben, die der Essenz seiner bisherigen Beiträge zum Thema in den Medien entspricht. Es herrscht Erklärungsbedarf für die Nachrichten wie "Forscher haben herausgefunden, Rotwein verlängert das Leben" und wer wäre da besser geeignet als der Autor von "Die Macht der Gene", der mit einer Portion Witz und fundierten Fachkenntnissen, die Dinge so erklärt, dass sie auch wirklich jeder versteht.
Bereits vor dem eigentlichen Beginn des Buchs führt Hengstschläger auf den Seiten 5 bis 7 einige wissenschaftliche Facts an, auf die er später zurückkommen wird, auch auf die Frage warum seine Antwort auf "Wann wird der Mensch endlich unendlich?" immer "Hoffentlich nie!" ist. Es beginnt sehr unscheinbar mit einem Ausflug in die eigene Jugend des Autors, der als Punk in Linz gegen das System rebellierte, dem seine Eltern jedoch Tattoos oder Piercings verboten. Man kann sich fragen, was das in einem populärwissenschaftlichen Sachbuch zu suchen hat, aber Hengstschläger spielt dabei auf einen ganz bestimmten Aspekt des Alterns an. Heute ist er etwa froh, dass sein Körper keine bleibenden Schäden wie Tattoos oder durchstochene Körperteile davon getragen, genauso wie er immer wieder irritiert ist, dass ihm die Musik von damals, so gar nicht mehr gefällt und er mit den einstigen Vorstellungen nur noch sehr wenig anfangen kann. Der ehemalige Punk ist gealtert und erwachsen geworden, er hat dazugelernt und sich entwickelt, er ist gereift und hat sich gemäßigt.
Es ist auch eine leicht moralische Perspektive aus der man den Wunsch nach ewiger Jugend betrachten kann, nämlich dass es meist die Jugend ist, die in ihrem Tatendrang auch anfällig für Extreme ist und der oft beschworenen Weisheit des Alters in ihrer Hitzköpfig diametral entgegen gestellt ist. Es bleibt zu hinterfragen, ob ewige oder verlängerte Jugend, wirklich wünschenswert ist oder dem nicht ein längeres Alt-Sein vorzuziehen ist.
"Die Frage, ob es überhaupt ein endgültiges, nicht überschreitbares Limit für die maximale Lebensdauer von Menschen gibt, wurde durch so manches ganz aktuelles Forschungsergebnis grundsätzlich auch schon in Frage gestellt.", schreibt Hengstschläger (S. 53) und spricht damit einmal mehr das an, was er schon in diversen Radiointerviews zu Protokoll gegeben hat. Der Mensch wird dank medizinischem Fortschritt immer älter. Die Theorie dass das menschliche Leben auf maximal 115 Jahre begrenzt, wurde durch eine geringe wenngleich bedeutende Zahl von Menschen, die dieses Alter überschritten haben, widerlegt. Die Älteste unter ihnen wurde sogar 120 Jahre.
"Spielen Gene überhaupt eine Rolle bei der Frage des Ausschöpfens des Rahmens? Sie würden sagen, eine unmissverständliche Frage schreit nach einer klaren Antwort. So klar ist die Antwort darauf aber nicht." (S. 77)
Einfache Fragen, verlangen eben doch nicht immer einfache Antworten und der Mensch ist nicht auf seine reduzierbar, wie Markus Hengstschläger immer wieder zu Bedenken gibt. Vielmehr sind Gene nur Stift und Papier, mit denen wir durch moderate sportliche Betätigung, eine ausgewogene Ernährung und möglichst gesunden Lebenswandel auch in der Lage sein sollten, eine möglichst lange Lebenslinie zu zeichnen. Dennoch "Vielleicht sind es ungefähr 25 Prozent der Lebenserwartung, die man genetischen Unterschieden zuschreiben kann. Die Meinungen gehen diesbezüglich auseinander." (S. 78) Wissenschaftlich belegen lässt sich derzeit noch wenig, aber vor allem Studien an eineiigen Zwillingen erbringen immer wieder bedeutende Erkenntnisse über äußere Einflüsse, da bei beiden Probanten die Gene relativ identisch sind.
Doch die Diskussion um ewiges Leben ist auch sehr eng mit lange Zeit der Science Fiction zugerechneten Forschungsgebieten verbunden. Nano- und Klontechnologie erscheinen vielen als der Schlüssel zum Sieg über den Tod. Fakt ist, dass mit diesen zukunftsträchtigen Forschungsbereichen sehr große medizinische Fortschritte erreicht werden können und es heute schon möglich ist Haut und sogar Harnblasen im Labor zu züchten. Aber "Niemand ginge nämlich davon aus, dass ein Klon von einem selbst ein Weiterleben seiner Selbst bedeuten würde. Genauso wenig wie irgendjemand davon ausgeht, dass eineiige Zwillinge ein und derselbe Mensch sind - wie absurd wäre das!" (S. 141-142) Die Gene wären dieselben, der Charakter aber ein völlig anderer und damit ein gänzlich anderer Mensch.
Schlussendlich bleibt die Frage, welche Konsequenzen ewiges Leben denn haben könnte, nimmt man an, dass körperlicher Verschleiß durch Nanotechnologie, Genmanipulation und das Klonen von ganzen Organen vermieden werden kann. Nachwuchs würde eine völlig andere Bedeutung erhalten, könnte man das Altern etwa bei ungefähr 30 Jahren anhalten. Verschiedene Generationen hätten damit auf ewig das gleiche Alter und dennoch spielt zumindest ein Faktor in der heilen Welt gegen die Utopie, das Gehirn. Um die gewaltige Menge an Erinnerungen bewältigen zu können, wird das menschliche Gehirn anfangen anderes zu vergessen, über die Jahrhunderte könnte so das Bild der eigenen Eltern verblassen und vieles einfach aus dem Gedächtnis verschwinden. Dazu kämen noch ungeahnte psychische Belastungen und Entwicklungen, die man dann wiederum durch Medikamente und Therapien zu behandeln versuchen würde.
Ob Rotwein und die Mittelmeerdiät wirklich lebensverlängernd wirken oder doch eine bestimmte Genvariante die bei über 100jährigen einfach öfter vorkommt den Ausschlag dafür geben, wie alt man wird, wer "Endlich Unendlich" liest erhält ein wenig Gewissheit in diesen Fragen. Markus Hengstschläger ist mit seinem Buch eine sehr humorvolle, leicht verständliche und umfassende Darstellung des aktuellen Wissensstands gelungen, allerdings ohne einer Offenbarung gleich unumstößliche Wahrheiten zu präsentieren. Vieles bleibt unklar und schwammig, manches wirkt auch nicht unbedingt neu und erkenntnisfördernd, doch repräsentiert es das was man heute schon mit gewisser Sicherheit sagen kann, man möge dem Autor nachsehen, dass er sich nicht in schwer belegbare Vermutungen und Behauptungen stürzt, nur um seinen Lesern überraschende neue Forschungsergebnisse zu präsentieren, die kaum mehr als Hypothesen wären.
Fazit:
Für jedermann verständlich, formuliert Markus Hengstschläger den gegenwärtigen Forschungsstand in der Frage, ob ein ewiges Leben medizinisch und technisch machbar wäre.