The Who sind eine lebende Legende - noch dazu eine der am häufigtsen totgesagten überhaupt. Etwa das Gejammere darüber, dass Roger Daltrey seine Fähigkeiten als Sänger eingebüßt habe, kenne ich nun seit ca. 25 Jahren (ein ähnliche Schicksal übrigens wie bei Eric Burdon, der über Jahrzehnte völlig zu unrecht totgeschrieben wurde und jetzt, in den letzten Jahren und mit Mitte 60 (!), plötzlich wegen seiner großartigen Gesangsdarbietungen gelobt wird). Auch das vernichtende Gesamt-Urteil, die Band sei uninspiriert und ausgebrannt, ist jahrzentelang immer wieder gefällt worden. OK - manche Tour, inbesondere in den 80er Jahren, war sicherlich unter qualitativen Gesichtspunkten vermeidbar. Aber spätestens seit dem legendären "Vegas Job" 1999 geht es mit den Who wieder unverkennbar und massiv aufwärts! Daran konnte auch der Tod von John Entwistle 2002 erstaunlicher- und glückerweise nichts ändern. Nein liebe "Fans" - die Who sind 2006 nicht nur live im besten Sinne präsent und eine ernsthafte Konkurrenz für nahezu jede andere Rockband auf diesem Planeten (und hängen nebenher die ollen Stones mal wieder um Längen ab!). Auch das neue Album, das erste seit 1982 (!), ist ein absolut beachtliches und bewundernswertes Werk: Wie so oft in ihrer 43-jährigen Zeit zusammen, zeigen Daltrey und Townshend, welch hochtalentierte Musiker sie sind. So finden wir auf dem neuen Album mit z.B. Black Widows's Eyes, Mike Post Theme und Pick Up The Peace, um nur einige Highlights zu nennen, großartige Momente zeitgenössischer Rockmusik, die in 2006 von niemandem (!) übertroffen werden. Sicherlich - verglichen mit früheren Großtaten, fehlen die GANZ großen Songs (aber im Ernst: wer auf dieser Welt schreibt die heute noch?) und es mangelt da und dort etwas an der früheren Energie und Frische. Dies wird aber - zumindest zu großen Teilen - durch Subtilität, Mut und interpretatorisches Geschick wieder aufgewogen. Und: Gerade Roger Daltrey liefert eine im wahrsten Sinne des Wortes reife Leistung ab. Aktuell vielfach und nicht ganz unzutreffend von der wohlwollenden Rockkritik mit dem späteren Sinatra verglichen, der ebenfalls an stimmlichem Volumen einbüßte (übrigens: warum darf die Stimme eines Rocksängers sich eigentlich nicht altersadäquat verändern?), dafür aber an emotionaler Tiefe und Ausdruckskraft gewann, ist er heute ein exakterer, konzentrierterer und vielfältigerer Sänger als jemals zuvor. "Endless Wire" ist sicherlich auch deshalb ein so großer Wurf anno 2006 weil die rockmusikalische Konkurrenz - nahezu vollständig - in einem derart erbärmlichen Zustand ist und weil Townshend/Daltrey wohl kaum einer dieses kurzweilige, abwechslungsreiche und von erstklassigen Einfällen geprägte Werk zugetraut hätte. Mein Fazit: Freuen wir uns einfach an einem der wenigen hörenswerten Alben, die in diesem Jahr veröffentlicht wurden - und hoffen wir auf ein, zwei weitere Taten der Herren auf diesem Niveau.