Medienbrüche mit Zuschauer
Neues von Jochen Hörisch
«Ich war noch sehr jung, als ich meinen ersten Film sah. Der Eindruck, den er mir hinterliess, muss berauschend gewesen sein, denn ich beschloss dann und dort, meine Erfahrungen zu Papier zu bringen. Wenn ich mich recht erinnere, war dies mein frühestes literarisches Projekt.»
So beginnt Siegfried Kracauers «Theorie des Films». Die Erinnerungsgabe ihres Verfassers versetzt dessen Denken in eine ferne Vergangenheit. Zugleich schliesst sie es unmittelbar mit der Gegenwart kurz. Denn die Medienreflexionen, wie Jochen Hörischs jüngstes Buch sie präsentiert, sind vom selben Geist. Nicht nur heisst ihnen Kracauers Filmtheorie «immer noch viel zu wenig beachtet». Vor allem ist es die Wendung vom Kinobesuch zum geschriebenen Wort, die es Hörisch angetan hat.
Kracauers Buch von 1960 spricht im Untertitel von der «Errettung der äusseren Wirklichkeit» durch den Film. In Hörischs Adaption wird daraus die These, dass die audiovisuellen oder kurz «AV-Medien» imstande seien, «das Reale» zu speichern. Was immer die Literatur uns vermitteln will, das muss sie in Sprachzeichen und genauer noch: in alphabetische Schrift übertragen. Den Klang einer Stimme, die Physiognomie eines Gesichts, beides kann die Literatur nur beschreiben. Die AV-Medien dagegen fangen Bild und Ton als solche ein. Umgekehrt verfügen sie dafür aber nicht über den Begriff. Ein «filmisches Äquivalent» zu philosophischen Werken scheint ausgeschlossen. Zwar gibt es seit Eisenstein eine Theorie des «intellektuellen Films der Begriffe». Aber der Plan, Marx' «Kapital» zu verfilmen, wurde als «avantgardistische Verstiegenheit» eingestuft. Und den «Avantgardefilm», räumt Hörisch ein, lernt man bei Kracauer nicht zu schätzen.
Den ältesten Beleg, der die Grenzen des Sprechens, Schreibens und Lesens konsequent durchmisst, findet Hörisch in Goethes «Wahlverwandtschaften». Es herrscht darin «ein guter Wille zur universalen Verständigung», das wohl. Aber die mehreren Leichen, die den Romanweg pflastern, weisen sämtlich «auf die unbehebbare Unverlässlichkeit des Mediums Sprache und Schrift» hin, sie sind also «Opfer der Gutenberg-Galaxis», während in Gestalt einer Camera obscura ein «technisches Jenseits der Sprache» aufscheint, das den «Advent» verlässlicherer «neuer Medien» verheisst. Seitdem, so Hörisch, hat die gegenüber sich selbst skeptisch gewordene Literatur die fortschreitende Heraufkunft technischer Medien weniger feindlich als vielmehr mit grosser Neugier verfolgt das ist die Generalthese dieses Buchs, exemplifiziert an Texten des auf Goethe folgenden Realismus, an Kafka und an der Gegenwartsliteratur: an Dürrenmatt, Handke, Haslinger, Ransmayr, Politycki, Süskind und vielen anderen mehr.
Die Gegenwart, der diese Autoren angehören, ist freilich längst auf dem Weg zur Universalherrschaft des digitalen Mediums Computer. Entsprechend häufig werden auch CD und CD-ROM, Computertrickfilm und Virtual Reality angesprochen, aber nur als die Grenze, an der wiederum «die gute neu-alte Wirklichkeit der AV-Medien» zergeht. Nicht nur, weil es sich um den abschliessenden Band einer Trilogie über die alten und neuen abendländischen Leitmedien «Abendmahl, Geld und neue bzw. neuste Medien» handelt, sondern auch weil es an diese Grenze des eigenen Ansatzes führt, trägt das Buch den Titel: «Ende der Vorstellung». Es vertraut der «Erkenntniskraft von sog. schöner Literatur». Aber es forscht zugleich nach deren Limitierung.
Dass die digitalen Medien eine Zeit der anderen Auslegung bedeuten, ist dabei gleichsam die äusserste Schwelle, deren Überschreitung Hörisch noch? verweigert. Dass der Film im Vergleich zur Literatur begriffsstutzig sei, bezeichnet eine der zentralen Distinktionen innerhalb der von Hörisch abgesteckten Medienkonkurrenz. Ob aber die literarische Beobachtungsgabe und folglich das Lesen von schöner Literatur im Gegenzug kategorialen Gewinn bezüglich der Medien für sich verbuchen kann, das ist die Kernfrage, um derentwillen die Lektüre zumindest noch dieses Buches auf jeden Fall lohnt. Seinen eigenen Aussagen gemäss kann kein Zweifel sein: Die Literatur steht im Abseits «des entfalteten Medienzeitalters», sie «wird im doppelten Sinne des Wortes exzentrisch», doch verschafft ihr gerade das den Vorteil, um so genauer hinsehen zu können. Denn «lässt sich von der Peripherie her nicht besser beobachten, was im tumultuösen Zentrum vor sich geht»?
Zweifel indes entstehen, wenn andererseits gelten soll, dass die Literatur vor der Realität notorisch versagt, die technischen Medien hingegen nicht. «Dass ein Buch nie so realistisch sein kann wie ein Film», schreibt Hörisch, «ist eine ebenso schlichte wie weitreichende Grundeinsicht.» Gehört aber zu ihr dann nicht auch, dass die Literatur vor den Medien genauso versagt? Jedenfalls schreibt sie munter fort, und die Krise des Buchs, erinnert Hörisch, ist noch lange keine Krise der Schrift. Darum lese, wer lesen kann. Wie tief ihr Blick reicht, mag dahingestellt sein, doch ist wahr: Die Literatur beobachtet die Medien. Und Hörisch ist ein glänzender Beobachter der Literatur.
Bernhard Dotzler
Pressenotiz zu : Neue Zürcher Zeitung, 23.02.2000
Die Medienreflexionen Hörischs sind von Siegfried Kracauers "Theorie des Films" inspiriert, schreibt Bernhard Dotzler durchaus bewundernd: Kracauer wollte, nachdem er seinen ersten Film gesehen hatte, sofort seine Erfahrungen zu Papier bringen. Hörisch wiederum setzte sich intensiv mit dem Verhältnis Literatur - Film auseinander. Seine zentrale These sei, dass Film "das Reale" besser speichere, die Schrift dagegen über "den Begriff" verfüge. Die Schrift gerät gegenüber dem Bild langsam ins Abseits, was ihr aber einen besseren Beobachtungsplatz verschaffe, denn von der Peripherie sieht man das Zentrum am deutlichsten, referiert Dotzler Hörischs Thesen. Angeregt argumentiert er dann ein wenig dagegen: Wenn Literatur nie so realistisch sein kann wie das Bild, bedeutet das nicht, dass "die Literatur vor den Medien genauso versagt?" Die Lektüre dieses Buches "lohnt auf jeden Fall", meint Dotzler.
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