Beispiel Bayern. Das Ergebnis ist traurig: Dreißig Jahre Artenschutz und trotzdem ist die Hälfte aller freilebender Tierarten und wildwachsender Pflanzenarten Bayerns gefährdet. Überall? Nein! Gerade dort, wo es die wenigsten erwarten würden, hat die Artenzahl zugenommen, in den Großstädten. Der mit der Treviranus-Medaille des Verbands deutscher Biologen ausgezeichnete Professor für Naturschutz an der Technischen Universität, Josef Reichholf, der einst mit Klaus Töpfer den Umweltgipfel von Rio vorbereitete, wirft einen sachlichen, unaufgeregten Blick auf die Artenvielfalt und präsentiert überraschende Fakten. Ein Plädoyer, das Richtige zu tun, ohne in romantischen Aktionismus zu verfallen.
* Über Artenvielfalt und ihre Erhaltung - und über die Normalität des Aussterbens *
Wen interessiert das eigentlich, ob ein Organismus der einen oder einer kaum unterscheidbaren anderen Art zugehört? Nun, der kleine Unterschied kann entscheidend sein. Eine Möwenart mag Überträger des gefährlichen H5N1-Typs des Vogelgrippevirus sein, eine andere nicht; Mücken der Gattung Anopheles übertragen Malaria, andere nicht. Und mancher Schaden ist gar nicht so groß, wie vermutet. Gespinstmotten spinnen Bäume ein und fressen sie kahl. Die Bäume können absterben. Nicht so aber, wenn diese Bäume Traubenkirschen sind. Traubenkirschen und Gespinstmotte sind aneinander angepasst.
Ökosysteme sind wandelbar. Von allen Arten, die einmal lebten sind 95 Prozent im Verlauf der Erdgeschichte ausgestorben. Das Aussterben einer Art ist die Normalität. Es wäre aber falsch, daraus den Schluss zu ziehen, dass wir machen können was wir wollen und, dass die Natur im Verlaufe der Evolution es schon wieder richten wird. Denn die Evolution braucht Jahrmillionen, bis eine Nische durch eine neue Art wieder ausgefüllt ist. Andererseits ist es eine Illusion zu glauben, man könne das Leben in seiner ganzen Vielfalt so erhalten, wie es jetzt gerade ist.
Es dürfte für manche überraschend sein zu erfahren, dass die wirtschaftlich am weitesten fortgeschrittenen Länder - gegenwärtig - die geringsten Verluste an Biodiversität erleiden. Es sind die Schwellenländer, die heute ihre Artenvielfalt vernichten. Wir haben aber wenig Grund die Schuld auf diese Länder zu schieben. Es war und ist die westliche Lebensart, welche die bedeutendsten Artverluste hervorgerufen hat und weiterhin hervorruft. Wir haben deshalb auch eine besondere Verpflichtung.
Als Hauptverursacher für das Artensterben hat Josef Reichholf die Landwirtschaft ausgemacht. Damit wird er, der selbst aus den Tiefen des schönen, landwirtschaftlich geprägten Bayern kommt, wohl wenige Freunde gewinnen. Die Gründe aber, die er vorbringt sind einleuchtend. Überdüngung und Verarmung der Landschaftsstruktur. Prompt tut sich das Überraschungsei auf: Artenreich sind Großstädte wie München und Berlin, artenarm die großflächigen Agrarregionen. Und nun schauen wir uns dies einmal an: die Hälfte der Fläche Deutschlands entfällt auf Landwirtschaft und ein Drittel auf Forstwirtschaft und ihre Nadelwald-Monokulturen. Die Versiegelung des Bodens durch Straßen macht nur wenige Prozent aus. Um eine gebietstypische Artenvielfalt erhalten zu können, muss die Fläche groß genug sein. Deshalb ist es nur dann sinnvoll, die Zahl der Naturschutzgebiete zu erhöhen, wenn sie auch die entsprechende Größe haben.
Weltweit, mit nur wenigen Ausnahmen, berühren menschliche Kulturleistungen die Natur. Es ist geradezu ein Kriterium für die Qualität einer Kultur, in welchem Ausmaß sie die Natur schützt, so Reichholf in Anlehnung an Hubert Markl. Weltweite Schutzprogramme können erfolgreich sein. Wir müssen die Erhaltung der Artenvielfalt zur Kulturleistung machen.
* Sehr Lesenswert *
Das Buch beleuchtet die Gründe, die für den Naturschutz vorgebracht werden, und zwar durchaus auch kritisch. Josef Reichholf beobachtet genau. Er kommt zu Schlussfolgerungen, die nicht immer im Mainstream der Naturschutzbewegung liegen. Die Sachlichkeit und Sachkenntnis, mit der er seine Gedanken vorträgt, ist ansteckend. Er tut damit mehr Gutes für die Natur als manch einer, der es gut meint. Sehr lesenswert für alle, denen Naturschutz am Herzen liegt.