Die Kaiser Chiefs im Doppelpack, genauer: Ihre beiden ersten Alben in Originalaufmachung in einer Packung vereinigt, ohne Abstriche, mit den Original-Booklets (Aber Vorsicht: Es gibt auch eine äußerst spartanische Version, die nichts als die beiden CDs im Pappschuber enthält). Wer geradlinigen Britpop mag und wem aus unerfindlichem Gründen dennoch bislang die Kaiser Chiefs entgangen sind, für den ist das ein Angebot, das man nicht ablehnen kann.
Was die Kaiser Chiefs betrifft: Sie gehören zu diesen vielen britischen Bands, die in den letzten Jahren mit soliden Debütalben Furore machten und mit dafür sorgten, dass Techno out ist, und "richtige" Musik wieder in. Es kommt aber noch besser: Die Kaiser Chiefs gehören auch zu jenen Bands, die sich nicht als Eintagsfliegen entpuppten, sondern die mit ihrem zweiten Album zeigen, dass ihre Ideen für eine längere Karriere und vor allem für noch ein paar mehr Alben ausreichen könnten.
Freilich sind auch die Kaiser Chiefs nicht die neuen Beatles -- aber das scheint mir sowieso jene ultimative Wunderkeule zu sein, die Kritiker immer dann auspacken, wenn ihnen sonst nichts einfällt. Man hört die Kaiser-Chiefs-Alben nämlich auch noch Jahre nach ihrem Erscheinen gern und freiwillig, eben weil sie so erfreulich allürenfrei und nicht von irgendwelchen Anspruch- und Zeitgeist-Viren infiziert sind. Kein Durchhänger nervt, und kein alter Gaul wird bis zur Erschöpfung durchgeritten, dafür sorgen diese kleinen feinen Ideen. Die fünf Bandmitglieder können was und können gut miteinander, und zum Glück verausgaben sie sich nicht in Bombast und Solisten-Orgien. Was will man mehr?
Ihr Debut "
Employment" (2005) liefert jede Menge geradlinigen Britpop mit guten Ideen, und die Band um Ricky Wilson verbindet in ihren besten Momenten Punk mit Harmoniegesang. E-Gitarren und Schlagzeug dominieren aus dem Hintergrund heraus, aber der Sound bleibt klar und schnörkellos, ohne diese Neigung zum Bombast, mit dem Gitarrenrock früherer Zeiten gelegentlich die Nerven strapazierte. Punk sei Dank... Die Melodielinien sind eingängig, ohne ins Banale abzudriften; manche Passagen lassen an die Beach Boys nach einer gründlichen Verjüngungskur denken, manches erinnert an die Boomtown Rats in ihren besten Zeiten. Düstere Melodien, Zeitlupen-Rap und das musikalische Äquivalent zur Giftnatter ("What did I Ever Give You") sind zuverlässig zur Stelle, bevor's allzu gefällig wird. Und Wilsons Gesang passt zum Kaiser-Stil wie maßgeschneidert; markante Stimme ohne Allüren.
Ähnliches gilt für ihr zweites Album "
Yours Truly, Angry Mob" (2007). Auch hier wird nicht die vielzitierte Revolution des Pop eingeläutet, aber dafür ein solides schönes Album geliefert, das ganz einfach seinen Stil durchzieht, ohne monoton zu werden. Die Kaiser Chiefs kommen ein klein wenig sanfter daher als auf ihrem Debutalbum, aber auch diesmal werden sie nicht banal. Klar doch, den kommerziellen Erfolg nehmen sie erfreut mit, warum auch nicht. Solange der Erfolg nicht die musikalische Sorgfalt beeinträchtigt, ist's der Band zu gönnen. Ich gönn's ihnen jedenfalls.
Die einzelnen Tracks auf "Yours Truly, Angry Mob" sind professionell gemacht, nichts wird dem Zufall überlassen. Das hört man. Geschadet hat's dem Ganzen nicht: Schließlich ist zwanghafte Ungezwungenheit kein Gütesiegel, gut gemachte Musik aber schon. Und das hier ist gut gemacht: Eingängige Melodien und Details, die man erst nach mehrerem Hören bemerkt und würdigt. Hinzu kommen präzise Details, die die klaren Melodielinien nie in Solisten-Hybris ertränken.
Zwar hat ihr vorangehendes "Employment" etwas mehr Pfeffer, und die vergleichbaren ersten beiden Alben von Franz Ferdinand sind noch etwas pfiffiger eingespielt. Aber auch hier, bei "Yours Truly, Angry Mob" stimmt nahezu alles: Der Titelsong gibt die Richtung vor, mit einer gelungenen Mischung aus harmonischen Akkorden und treibendem, ideenreich variiertem Punk-Rhythmus. Im Gegensatz zum Debut klingen sie hier etwas sanfter, und sie unternehmen den ein oder anderen Ausflug in die jüngere musikalische Geschichte: Da wird schonmal "Paint It Black" zitiert (am Anfang von "Heat Dies Down"), und dann wieder spielen sie in der Tradition der Talking Heads eine schlichte Tonreihe in allen denkbaren Varianten durch (Intro von "My Kind of You"). Einen echten Heuler liefern sie auch noch, mit "Ruby". Kurz: Das Album brettert einfach los, ohne Anspruch zu heischen, ohne Starallüren.
Der Schlussakkord, gültig für beide Alben: Melodischer Britpop, genau richtig dosiert. Nicht zu viel und nicht zu wenig mit Schmirgelpapier bearbeitet. "Variationen über ein Thema", würde man in der Klassik vielleicht sagen.